Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Die gemütliche Revolution

1968 – eine Jahreszahl, die stellvertretend für eine ganze Bewegung steht. In Amerika unter anderem die Hippies, das Woodstock-Festival. In Deutschland die StudentInnenbewegung mit ihrer Gallionsfigur Rudi Dutschke. Und in Wien?

Da gab es, gemessen an öffentlicher Aufmerksamkeit und Provokation, nur ein Datum. Am 7. Juni veranstalteten ProtagonistInnen des sogenannten Wiener Aktionismus eine unter dem Begriff „Uni-Ferkelei“ bekannt gewordene Aktion, bei der sich die Beteiligten redlich bemühten, sämtliche vorhandenen Tabus zu brechen – Selbstverletzung, Erbrechen und Trinken des eigenen Urins sind nur einige Beispiele. Dass das alles unter einer österreichischen Flagge und begleitet durch die Bundeshymne stattfand, gab der Aktion den notwendigen politischen Anspruch. Die AktionistInnen erreichten ihr Ziel: Hohe mediale Aufmerksamkeit, sowie (vielleicht nicht ganz so erwünscht) einen Gerichtsprozess. Abgesehen davon verlief das Jahr 1968 und die darauf folgenden in Österreich eher ruhig – inhaltliche Diskussionen und intellektuelle Auseinandersetzung kennzeichneten den Prozess. Das bedeutet nicht, dass diese Bewegung folgenlos geblieben wäre – sie wirkt noch bis heute nach...

und was ist geblieben?

In den letzten Wochen ist im Zuge des 40-Jahr-Jubiläums viel diskutiert worden, was von den Protesten und Idealen der 68er Bewegung geblieben ist. Besonders in Wien, wo es im Gegensatz zu anderen Städten in der USA und Europa eher zu einer „heißen Viertelstunde“, als zu einer Revolution gekommen ist, sind die konkreten Ergebnisse schwer zu fassen.

Ernst Hainisch kommentiert dazu in der Presse vom 8.März 2008, dass die Ideale der 68er in kleinen Dosen verwirklicht worden sind. Während zwar die großen Revolutionen ausgeblieben sind, trieb der neue politische Geist gewisse Reformen, wie etwa im Hochschulbereich, schneller voran. Auch im Bereich der Erziehung hat die antiautoritäre Bewegung so einiges bewirkt. Feminismus und die Emanzipation von Frauen kann sich die 68er Bewegung zwar nicht auf ihre Fahnen schreiben, dennoch ist es unbestritten, dass die zweite Frauenbewegung ohne diesen nicht oder nur schwierig möglich gewesen wäre. So meint auch die Publizistin Trautl Brandstaller: „Ohne 68 keine Frauenbewegung“ (Der Standard, 5./6.April 2008).

Wir sind die Uni!

Eine der Hauptforderung der 68er war Demokratisierung in allen Bereichen, wobei hier vor allem um die Mitbestimmung von StudentInnen auf der Universität gekämpft wurde. Die Abschaffung der Studiengebühren 1972 und die Gründung der Österreichischen HochschülerInnenschaft 1973 waren Erfolge der StudentInnenbewegung. Nicht umsonst erklärt der Soziologe Michael Daxner: „Von meinem Jahrgang haben sechs Prozent studiert, heute sind es 20 Prozent. Das ist doch was. Das waren schon wir.“ (Der Standard, 5./6. April 2008)

Demokratie ist das nie!

Wenn sich alle Welt fragt, was denn von den 68ern in unserer Gesellschaft übrig geblieben ist, müssen wir uns im speziellen fragen, was davon auf der Uni übrig geblieben ist. Der freie Hochschulzugang ist mit Wiedereinführung der Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen schon lange nicht mehr existent, die Mitbestimmung von StudentInnen wurde mit dem Universitätsgesetztes 2002 de facto abgeschafft und Studieren bedeutet Berufsvorbereitung statt Bildung. Seit den 80er Jahren gilt der neoliberale Mainstream der Autonomie und Vermarktungseffizienz auch auf den österreichischen Unis, tatsächlich verwirklicht durch Schwarz/Blau/Orange.

Statt Philosophieren, Vertiefung und Diskussion sind schneller Studienabschluss, Erfahrungen in der Wirtschaft mittels ausbeuterischer Praktika und Leistung sind die Prämissen. Zwei Drittel aller StudentInnen müssen neben dem Studium arbeiten, sollten aber dennoch so rasch wie möglich studieren, um nicht noch mehr Geld (wie z.B. Beihilfen) zu verlieren. Politisches Engagement wird so immer mehr erschwert – und ist gerade deswegen noch wichtiger als 1968. Die Uni gehört uns – holen wir sie uns zurück!

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