Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Als das Wahlrecht wirklich allgemein wurde

Was uns heute als demokratisches Grundrecht selbstverständlich erscheint, musste vor nicht allzu langer Zeit erkämpft werden: 90 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich!

Die Anfänge

Im ausgehenden 19. Jahrhundert begannen immer mehr Frauen sich für ihre Rechte einzusetzen und sich zu organisieren. Diesem Unterfangen wurden einige Hürden gestellt. So war laut dem Vereinsgesetz von 1867 Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen untersagt. Auch in politisch fortschrittlichen Bewegungen wie der Sozialdemokratie mussten sich Frauen ihren Platz erst erkämpfen. Auf dem ersten Parteitag in Hainfeld (1888/89) wurde der einzigen weiblichen Delegierten die Teilnahme verwehrt. (Begründung: „Die Frauen sind noch nicht so weit“). Doch schon bald ging es Schritt für Schritt vorwärts, durch die Gründung von Arbeiterinnbildungsvereinen und der Arbeiterinnenzeitung. Zwar nahm bereits 1892 die sozialdemokratische Partei die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht „ohne Unterschied des Geschlechts“ in ihr Programm auf, doch wurde der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts höhere Priorität zuerkannt.

Parallel dazu begannen Frauen auch abseits der ArbeiterInnenbewegung dsich zu organisieren. Weitreichende Forderungen stellte der „Allgemeine Österreichische Frauenverein (AÖFV)“, der einen Teil der bürgerlichen Frauenbewegung darstellte. Die darin organisierten Frauen setzten sich neben sozialen Anliegen und der allgemeinen Gleichberechtigung in Bildung und Beruf auch für das Frauenwahlrecht ein. Trotz persönlichen Verbindungen kam es zu keiner wirklichen Zusammenarbeit zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung.

Die Gegenargumente

Auch wenn uns das Frauenwahlrecht als Selbstverständlichkeit erscheint (und Selbstverständlichkeiten müssen im Allgemeinen nicht diskutiert werden), gab es von männlicher Seite damals vehemente Einwände. Begründet wurden sie mit pseudowissenschaftlichen und bioligistischen Argumenten. Die Absicht dahinter war wohl die Absicherung des rein männlichen Einflusses auf die Politik. Dabei wurden Frauen oft auf ihre Rolle als Mutter reduziert und es wurde behauptet, dass politische Rechte negative Auswirkungen auf ihre häuslichen Aufgaben und ihre Gebärfähigkeit hätte. Gegner sprachen ihnen die Fähigkeit wählen zu können ganz ab, immer mit dem Hinweis auf die biologische „Natur der Frau“ die sich z.B. ihn einem kleineren Hinrvolumen auswirkt.

Die Formulierung der konservativen Argumente haben sich zwar verändert, doch noch immer kann mensch in aktuellen Debatten ähnliche Kernpunkte und Werte erkennen. Gleich bleiben vor allem die Darstellungen der Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, als unweiblich und übertrieben.

Die Durchsetzung

Nach der Jahrhundertwende nahm die Zahl der organisierten Frauen stetig zu. So verdreifachte sich von 1909 bis 1911 die Zahl der weiblichen Mitglieder der Sozialdemokratie. Die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz beschloss einen Frauentag, der in Österreich am 19. März 1911 zum ersten Mal begangen wurde. Gut 20.000 TeilnehmerInnen zogen für die Rechte der Frauen über die Ringstraße.

Der erste Weltkrieg brachte eine weitreichende Veränderung der gesellschaftlichen Situation. Viele der Männer mussten an die Front und Frauen drangen in viele bisher verschlossene Bereiche vor. Am Tag der Ausrufung der Ersten Republik am 12. November 1918 wurde auch das neue Wahlrecht für Frauen und Männer beschlossen. Trotzdem hatten die großen politischen Lager, die Sozialdemokratie und die Christlichsozialen, Bedenken über das Stimmverhalten der neuen Wählerinnengruppe. Beide glaubten das Wahlrecht der Frauen würde der jeweils anderen Partei zugute kommen. Die erste Wahl nach dem Krieg unterschied sich im Ergebnis jedoch nicht grundlegend von den vorherigen. Der große Fortschritt war ein demokratischer: Zum ersten Mal in Österreich waren alle erwachsenen StaatsbürgerInnen stimmberechtigt.

Literatur

Agnes Broessler: „Behüte der Himmel! Sie meinen es politisch!“: „80 Jahre Frauenwahlrecht - frauenpolitische Stationen 1919 – 1999“, Wien, 1999

blank info