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Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
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"Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben"

Dr.in Regina Maria Jankowitsch ist Kommunikations- und Leadershipcoach in Wien. Natascha Strobl hat sich mit ihr über die gegenwärtige politische Situation unterhalten.

Foto von Regina Jankowitsch

Foto: Mathias Heschl

offensiv: Vielen Dank, Frau Dr.in Jankowitsch, dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben. Warum haben die großen Parteien bei der letzten Wahl so massiv verloren?

Drin Jankowitsch: Die Menschen sind gesättigt von Phrasen, von Floskeln und von der mangelnden Professionalität, mit der Politik getan wird. Der Aufschwung der rechten Parteien ist vor allem darauf zurück zu führen, dass sie mit Abstand die charismatischsten Spitzenkandidaten hatten. Der Wahlkampf als solches war nicht so riesig innovativ. Innovative Formen wie Weblogs (die weder BZÖ noch FPÖ hatten) machen gar nichts aus. Im Endeffekt ist es die Strahlkraft der SpitzenkandidatInnen.

Denken Sie, dass der Typus der starken Führungspersönlichkeit gerade wieder im Kommen ist oder zieht so etwas immer?

Ich persönlich glaube, dass eine Zuversicht und Energie ausstrahlende Persönlichkeit immer attraktiv ist. Solche Leute sind im privaten Umfeld attraktiv, warum also nicht auch im Politischen? Besonders, weil es hier darauf ankommt, jemandem zu vertrauen. Das heißt: Die Anziehungskraft und Attraktivität von Menschen ist immer vor Medien, Wahlplakate und Parteiprogramme zu setzen. In Zeiten der Krise noch mehr.

Wodurch werden die ProtestwählerInnen angezogen? Durch die charismatische Führunsgsperson, den persönliche Kontakt, durch die Wut auf die Großparteien, die keine Lösungen anzubieten haben oder durch eine Mischung aus allem?

Eine komplexe Frage. Ich wundere mich, warum Mitte-Links Parteien tendenziell die Faktoren, wie man Menschen beeindruckt, verleugnen. Ob es uns gefällt oder nicht, ich muss es schaffen, mit den Schienen, die diese Gesellschaft zur Verfügung stellt, zu arbeiten. Wenn ich hängen bleiben möchte, muss ich ein paar Spielregeln beachten – auch angesichts der Reizüberflutung. Ich kann nicht sagen: Ich finde die Spielregeln doof und ich möchte sie partout nicht lernen, weil sie populistisch sind und sie populistische RechtspolitikerInnen auch verwenden. Es gilt, alles anzuwenden was professionelle Kommunikation ist.
Das Zweite ist, dass vereinfachtes Schwarz-Weiß-Denken alleine noch nichts ausmacht. Es geht darum, den Leuten klar zu machen, was mittel- und langfristig die Probleme sind. Da kann ich hingehen und die Leute gegeneinander aufhetzen. Um dagegen aufzustehen, braucht der/die RezepientIn sehr viel Persönlichkeit, und da sind wir wieder beim Bildungssystem und bei den erzieherischen Werten. Wir sind hier auch noch stark katholisch geprägt, im Sinne von: Eher Anpassen, eher kein Widerstand. Da fehlt es, dass unser Bildungssystem uns beibringt, dass Diskurs und Abgrenzung an sich etwas Positives sind. Für sich selbst, aber auch für das jeweilige Thema. Es wird vermittelt, dass mensch mit Ducken und nicht Auffallen besser durchkommt. Oder ob ich hingehe und zugestehe, dass wir Probleme haben und die Leute auffordere herzukommen und gemeinsam Lösungen zu überlegen. Das ist ein Unterschied. Aufhetzen und polarisieren oder die gemeinsamen Nenner suchen und Kooperation fördern. Um das zu vermitteln, bedarf es neuer Wege.

Ist es möglich, auch komplexe Inhalte zu vermitteln, oder braucht es immer Vereinfachungen?

Es ist möglich, aber es erfordert mehr Vorbereitung und mehr Auseinandersetzung mit der Thematik. Drei Kernbotschaften - und mehr bleiben nicht hängen - zu entwickeln ist irrsinnig aufwändig. Es ist eine Mischung aus knapp verständlicher Sprache und Inhalt. Die Freiheitlichen haben das am besten gemacht, bei denen weiß man am klarsten wogegen sie sind.

Liegt es auch daran, dass die Zielgruppe nicht so groß ist und es somit einfacher ist klarere oder radikalere Aussagen zu treffen?

Ich glaube das deswegen nicht, weil es nicht möglich ist jedem/jeder zu gefallen. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Der Anspruch, allen gefallen zu wollen, ist hinfällig. Was fehlt ist eine Idee für das Land. In welcher Form positioniert sich Österreich in diesem Europa. Welche Rolle wollen wir haben? Sind wir das Land der Innovation, sind wir das Land der Lippizaner? Es kann ja nicht sein, dass man immer nur von einem Haushaltsbudget ins Nächste denkt, so wichtig und notwendig das ist. Aber ich brauche eine übergeordnete Idee, eine Vision. Warum diese Leitidee nicht formulierbar ist, ist mir ein schieres Rätsel…

Die allgemeine Politikverdrossenheit liegt also auch am Fehlen einer großen Idee.

Ja. wenn gar nichts kommt, entsteht ein Kommunikations- und Inhaltsvakuum. Dann purzeln die Menschen auf die nächste Ebene. Das ist psychologisch sehr klar nachvollziehbar. Wenn ich keine Idee habe, die mir gefällt oder nicht gefällt, beurteile ich die einzelnen Typen die da oben sitzen. Gefällt mir der?
Je größer und älter der Apparat, umso mühsamer und schwieriger ist es, ihn zu verändern. Letztlich sind auch die Menschen in den linken Organisationen viel strukturkonservativer und nicht willig, moderner, lustiger nach außen zu wirken. Das bekomme ich allein als großeR ZaubermeisterIn nicht hin. Es gibt immer wieder einzelne Leute, die fähig sind und darauf angesprochen werden, ob sie in die Politik wollen. Die meisten sagen nein. Das ist immer recht bedauerlich. Ich wünsche mir, dass es eine handvoll professionelle, kompetente Leute gäbe, die sagen „Wir versuchen das professionell zu machen“. Ein Team.
Ich halte es für illusorisch, von dem idealen Staat zu träumen, denn das würde mir auch ein bisschen Angst machen. Aber wir haben noch viele gute, einfach zu machende und relativ unaufwändige Dinge, die wir tun können, damit das politische Geschehen qualitativ wertvoller wird.

Wir haben also in Österreich noch einen weiten Weg.

Wir haben einen Weg vor uns, aber die einzelnen Wegweiser sind nicht so schwer zu sehen.

Vielen Dank für das Interview.

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