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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
"Und dann schlägt die Fruchtbarkeit natürlich gnadenlos zu"
Dr. Christian Fiala ist Gynäkologe und Chef des Ambulatorium Gynmed für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung.
Wie sind Sie zu einem so umstrittenen Thema wie Schwangerschaftsabbruch gekommen, und warum haben Sie es sich zum Beruf gemacht?
Ich habe in Innsbruck in den siebziger und achtziger Jahren studiert, das war unglaublich konservativ. Das hatte zur Folge, dass natürlich auch auf der Medizinuniversität Sexualität und Schwangerschaft sehr tabuisiert wurden. Viele Studentinnen sind ungewollt schwanger geworden. Ich fand das ziemlich absurd, weil ich mir gedacht habe: Jetzt studieren wir schon Medizin, und wenn wir selbst damit nicht umgehen können, wir sollen wir das dann vermitteln können? Nach dem Studium habe ich mein erstes Turnusjahr in Thailand gemacht. Da ist der Abbruch verboten, und es ist quasi klinische Routine, dass Frauen zwischen halb und ganz tot ins Krankenhaus kommen. Das hat mich damals ziemlich schockiert. Wenn man das einmal erlebt, und das Routine und der „Normalfall“ ist – das ist ein Ereignis das einem ziemlich einfährt.
Wer ist ihrer Meinung nach Schuld an solchen Debakeln?
Was solche Dinge noch einmal brutaler macht: Sie sind ausschließlich bedingt durch eine willkürliche gesellschaftliche Entscheidung. Wenn ein Tsunami oder ein Bergsturz passiert, ist das unmöglich vorherzusehen. Bei illegalen Abbrüchen ist das leider nicht so. PolitikerInnen, die die Möglichkeit hätten, das zu ändern, tun das aus bewusster Entscheidung nicht und nehmen die Verletzung oder den Tod dieser Frauen bewusst in Kauf.
Ich wollte dazu beitragen, dass Frauen den Abbruch nicht mit Stricknadeln selbst vornehmen müssen, wie das in den USA teilweise wieder begonnen hat. Dieses hohe Entwicklungsniveau, das wir in Europa haben, kann sich jeder Zeit wieder umkehren.
Wie schaut die rechtliche Situation aus?
Das Gesetz in Österreich, die sogenannte Fristenregelung, ist seit 1975 in Kraft. Bis zu drei Monate nach dem Beginn der Schwangerschaft darf nach einer verpflichtenden Beratung ein Abbruch gemacht werden - wenn er von ÄrztInnen durchgeführt wird. Das ist an und für sich eine zufriedenstellende Lösung, weil es erlaubt, sich relativ frei nach den Bedürfnissen der einzelnen Frauen zu richten.
Wo steht Österreich da im internationalen Vergleich? Welche Lücken lässt die Fristenregelung?
Diese Regelung ist als politischer Kompromiss zwischen SPÖ und ÖVP zustande gekommen. Im Prinzip ist der Abbruch relativ legal und einfach zugänglich, aber darüber hinaus wurde nichts weiter beschlossen. Es müsste geregelt sein, wann und wo Abbrüche garantiert durchgeführt werden müssen und wer diese Abbrüche bezahlt. Das wurde wahrscheinlich aus politischen Gründen unterlasssen. Es gibt heute noch Bundesländer, wo keinE einzigeR einheimische Arzt/Ärztin einen Abbruch macht.
Sie haben die Finanzierung angesprochen. Wie stehen sie zur Abtreibung auf Krankenschein?
Österreich ist das einzige Land im europäischen Vergleich, in dem der Abbruch nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Das gibt es in keinem anderen westeuropäischen Land - zudem wird Verhütung ebenfalls nicht bezahlt.
Fehlt es in Österreich an präventiven Maßnahmen?
Was macht der Staat in der Unfallprävention im Straßenverkehr? Er nimmt nicht nur Kosten auf sich. Er schränkt auch indivuelle Rechte ein: Dass sich jedeR im Auto anschnallen muss, zum Beispiel.
Bei der Sexualität hält sich der Staat bei jeder Verhütung von Unfällen raus. Das führt zu unnötig vielen Schwangerschaftsabbrüchen. Die Politik ist bewusst zynisch. Sie nimmt bewusst in Kauf, dass Prävention vernachlässigt wird.
Wie ist das mit der Pille danach?
Ein hohe Prozentsatz meiner KlientInnen hat mit Kondomen verhütet. Das zeigt, dass Kondome nur mittelmäßig sichere Verhütungsmitttel sind – kein schlechtes, aber in der Verhütung eben nur mittelmäßig. Paare, die sich darauf verlassen, sollten besser die „Pille danach“ zuhause haben. Da kommt das nächste Problem. Die „Pille danach“ ist nicht rezeptfrei. Da hat man eine Backup-Methode, die sehr gut wirkt, und sorgt künstlich dafür, dass die sehr schwer erhältlich ist - gegen jeden ärztlichen Rat.
Das sind so Situationen, in denen ich mich frage: In welcher Gesellschaft leben wir? Wieso macht diese Gesellschaft es Frauen und Paaren so unnötig schwer, ihre Sexualität zu schützen? Was ist eigentlich die Intention dahinter? Denn das ist eine bewusste Entscheidung.
Was ist der Unterschied zwischen Mifegyne und der „Pille danach“?
Das ist ein ganz fundamentaler Unterschied. Die „Pille danach“ ist quasi eine Unfallserstversorgung. Wenn es zu einem Verhütungsunfall gekommen ist, dann kann die Frau noch mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit das Eintreten der Schwangerschaft verhindern. Das unterdrückt den Eisprung und hat keine Auswirkungen auf eine Schwangerschaft. Mifegyne, also die sogenannte Abtreibungspille, beendet eine bestehende Schwangerschaft.
Sie haben auch ein Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch gegründet. Wie kam es dazu?
Es kommen auch immer wieder junge Frauen zum Schwangerschaftsabbruch. Mir ist aufgefallen, dass sie häufig gar keine Vorstellung von der Fruchtbarkeit haben. Wenn man alles natürlich will, muss man auch die Natürlichkeit der Fruchtbarkeit in Kauf nehmen. Das bedeutet: Ungefähr 15 Schwangerschaften im Leben einer Frau, 10 Geburten, von denen 8 Kinder überleben. Jedes Kind wird 2 Jahre gestillt, und dann kommt der Wechsel. Das ist natürlich – und wenn ich das nicht will, muss ich aktiv eingreifen. Wer von den Jugendlichen heute kennt denn noch eine Frau, die 10 Kinder hat? Und genau das ist das Problem: Man kann es sich nicht vorstellen. Und dann schlägt die Fruchtbarkeit natürlich gnadenlos zu. Ich finde das einfach zynisch und tragisch. Das Museum ist ein Versuch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Fruchtbarkeit bedeutet, und die Notwendigkeit, mit dieser Fruchtbarkeit umzugehen.
Gibt es ein Post-Abortion-Syndrom oder ist das ein pro life-Mythos?
Das ist natürlich alles Mythos. So wie der Name „pro life“ auch ein Mythos ist. Wenn man deren Politik umsetzen würde, würde das relativ rasch zu unglaublichem Leid und zum Tod unzähliger Frauen führen. Aber das tun sie nicht, denn sie sind religiös motiviert und inspiriert und wollen auch ganz bewusst eine religiöse Erneuerung. Das kann man auch fordern und da ist auch nix Schlimmes dran, aber dann muss man das auch sagen und den Menschen die Wahl lassen, ob sie das wollen oder nicht.
Es gibt im Laufe des Lebens eines Menschen mehrere Situationen, in denen man Entscheidungen treffen muss, die schwierig sind. Ein Abbruch ist eine solche Entscheidung, und manchmal ist die Entscheidung recht klar, manchmal aber auch schwierig. Aber wenn eine frau nicht schon vorher ein psychisches Problem hatte, und in dieser Situation eine gute Unterstützung von ihrem Umfeld und eine professionelle Betreuung, dann gibt es auch kein Risiko eines psychischen Traumas. Was diese religiösen Kreise machen, ist eine self fullfilling prophecy. Die veranstalten einen Hexentanz und behandeln die Frauen in dieser Situation wie Freiwild, dem man hinterherlaufen darf. Jeder darf denen alles Mögliche sagen, darf sie mit du anreden, darf sie beleidigen, darf sie festhalten.
Sie haben die AbtreibungsgegnerInnen ja schon angesprochen. Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es?
Wir brauchen unbedingt Schutzzonen. Eines der großen Probleme, die wir in diesem demokratischen Land haben, ist der nicht vorhandene oder sehr mangelhafte Respekt vor der Individualität, vor allem vor der einer Frau. Diese religiösen Kreise sind ja nicht gegen Abtreibung. Die leben einfach in einer religiösen Parallelwelt, wollen ein religiöses Ziel auf dieser Erde verwirklichen und engagieren sich in keiner Weise wirksam dafür, dass es weniger Schwangerschaftsabbrüche gibt. In der Öffentlichkeit wird häufig eine falsche Darstellung propagiert. Man sagt: Die bieten den Frauen Hilfe an. Das tun sie aber in keiner Weise. Sie beleidigen sie aufs Schlimmste, stellen sich ihnen in den Weg und machen etwas, das – gerichtlich in Wien dokumentiert – als „Psychoterror“ bezeichnet wird.
Jede Gesellschaft hat einen geringen Prozentsatz an Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Es ist oft ein Problem, wie man mit Menschen umgeht, die die Grenzen anderer nicht respektieren und ihre eigenen nicht kennen. Die gefährden teilweise die Gesellschaft, teilweise sich selbst, und verursachen Schaden bei Menschen, weil man die nicht rechtzeitig erkennt und entsprechend mit ihnen umgeht.
Unsere Gesellschaft muss erkennen, dass diese religiösen Fanatiker genau das sind. Fanatiker, denen es nicht um ein konkretes konstruktives Ziel geht, sondern darum, bei Frauen in Krisensituationen Psychoterror zu betreiben. Und es ist purer Zynismus, dass unsere Gesellschaft das zulässt.

