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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Religion versus Naturwissenschaft
Mit seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ hat Richard Dawkins eine Diskussion neu entfacht, die schon seit Jahrzehnten am Brodeln ist. Sind Naturwissenschaften und Religion, Vernunft und Glaube vereinbar? Dawkins kommt hier, wie viele andere WissenschafterInnen zu einem klaren Schluss: NEIN!
Am Anfang war das Wort - und Darwin sprach das Wort
Als Charles Darwin 1859 sein Hauptwerk „On the Origin of Species“ (dt. “Die Entstehung der Arten“) veröffentlichte, ging ein Aufschrei um die Welt. Darwin argumentiert hier für die These, dass Gruppen von Organismen (heutzutage als Populationen bezeichnet), sich allmählich durch den Vorgang der natürlichen Selektion entwickeln, und nicht wie bis dahin propagiert, durch ein göttliches Wesen, einen Schöpfer, erschaffen wurden.
Darwin selbst erkannte die gesellschaftspolitische Sprengkraft seiner Entdeckungen als er in „The Origin of Species“ schrieb : „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“
Hiermit wurde erstmals die bis dahin unantastbare Gotteshypothese angegriffen und noch dazu in ihrer angeblichen Kernkompetenz bzw. ihrer Höchstleistung - der Erschaffung des Lebens.
Der Glaube schlägt zurück
In zahlreichen Ländern wurde von Seiten der katholischen, lutheranischen und vieler evangelikaler Kirchen versucht, die Verbreitung der Evolutionstheorie zu verhindern. Durch die geringe Trennung zwischen Kirche(n) und Staat war dies zum Teil ein Leichtes.
In den Vereinigten Staaten wurde 1925 ein Gesetz erlassen, das verbot, Theorien zu lehren, die der Bibel in Bezug auf die Entstehungsgeschichte der Menschheit widersprechen. Es wurde erst 1967 abgeschafft. Trotzdem war die Verbreitung der Evolutionstheorie nicht aufzuhalten - sie wurde auch in der Zeit nach 1925 zum entscheidenden Kern des Biologie-Unterrichts in den USA.
Mittlerweile haben sich einige Kirchen, vor allem die katholische Kirche, zur theistischen Evolution bekannt. Das bedeutet, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Evolutionstheorie anerkannt werden, jedoch weiterhin von einem Plan Gottes ausgegangen wird.
Dawkins mischt auf
Dawkins widerlegt in „Der Gotteswahn“ eindrucksvoll die Vorstellung eines allmächtigen, allwissenden, persönlichen Gottes.
Wäre Gott allmächtig, könnte er etwas Unzerstörbares schaffen und es dann zerstören. Allmächtigkeit widerspricht der Logik. Daher widerspricht auch der christliche Gott der Logik. Darüber hinaus geht er auf alle gängigen Argumentationen ein, warum es einen Gott geben soll, oder warum es besser sei an Gott zu glauben. Und widerlegt jede einzeln.
Zum Beispiel die berühmte Wette von Blaise Pascal. Er behauptete, auf die Existenz von Gott zu wetten, sei um einiges sicherer als die Strafe, die einen erwarte, wenn Gott nicht existiert. Das bedeutet, Pascal geht davon aus, dass der Glauben allein sicher zum Himmel führt. Dawkins stellt also zu Recht die Frage, ob Gott von uns nur will, dass wir an ihn glauben, oder ob ihm andere Eigenschaften vielleicht wichtiger sind ? Zum Beispiel: Freundlichkeit, Großzügigkeit oder Demut. Oder gar Ehrlichkeit? Wäre es nicht ehrlicher zuzugeben, dass es keine Beweise für eine Existenz Gottes gibt? Würde Gott das vielleicht mehr tolerieren - und einen verlogenen Glauben mit der Hölle bestrafen?
Alles Spekulation? Ja, das ist Religion.
Angriff des Intelligent Design auf die Wissenschaft
Intelligent Design ist die Auffassung, dass bestimmte Merkmale des Universums und des Lebens durch eine intelligente Ursache am besten erklärt werden können und nicht durch einen Vorgang ohne solch eine intelligente Leitung, wie die natürliche Selektion.
VetretrerInnen des Intelligent Design versuchen eine „Alternativtheorie“ zur Evolutionstheorie zu etablieren. Sie soll gleichberechtigt unterrichtet werden, denn sie lässt das Tor zu Gott immer offen. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush war Anhänger dieser Forderung, und auch in Österreich findet die Theorie Gehör: Kardinal Christoph Schönborn hat sich 2005 auf die Seite des Intelligent Design gestellt und dies erst im Jänner diesen Jahres widerrufen.
Die Theorie des Intelligent Design geht von so genannten nicht-reduzierbaren Komplexitäten aus. Als veranschaulichendes Beispiel dient oft eine Mausefalle. Diese besteht aus mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Teilen – Platte, Haken, Feder und Schlinge – die alle entsprechend zusammengebaut sein müssen, damit die Mausefalle wie gewohnt funktioniert.
Die irreführende Annahme der KreationistInnen ist, dass solche komplexen Strukturen nicht auf dem Wege der Evolution, also natürlich, entstanden sein können.
Dawkins bezeichnet dieses Vorgehen als Anbetung der Lücken. Überall dort wo die Wissenschaft (noch) keine Ergebnisse vorzuweisen hat, wird von den KreationistInnen ein Beweis für Gottes Existenz gefunden.
Opium des Volkes?
Die Funktion von Religion wurde bereits im 19. Jahrhundert von Karl Marx und Ludwig Feuerbach analysiert. Marx sagt dazu in seinem Essay „Religion als Opium des Volkes“:
„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d‘honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“
Marx geht davon aus, dass Religion nichts Ewiges ist. Viele Menschen nutzen Religion um sich selbst zu beruhigen, sie ist ein Zufluchtsort, der die Welt aufrecht erhält, die es überhaupt erst notwendig gemacht hat einen solchen zu brauchen. Sie bietet den imaginären Verwirklichungsraum, den die echte Welt nicht geben kann. Religion ist das Opium des Volkes.
Auch Dawkins kritisiert die Auswirkungen von Religionen auf die Gesellschaft fundamental. Es ist kein Wunder, dass es Konflikte in der Welt gibt, wenn Kinder mit religiösen Ansichten indoktriniert werden. Kinder, werden nicht zu selbstbestimmten Menschen erzogen, sondern zu KatholikInnen, MuslimInnen, JüdInnen, je nachdem wo sie geboren werden und wie die Erziehungsberechtiten ihr Kind indoktrinieren (lassen) wollen. Dawkins plädiert für eine Gesellschaft, die sich auf Gemeinsames konzentriert, auf Basis von Wissenschaftlichkeit und Venunft. So können Kriege und andere zwischenmenschliche Auseinandersetzungen vermieden werden.
Eine andere Welt ist möglich
Religion, Gesellschaft und Kapitalismus sind ineinander verwoben. Doch diese Verhältnisse sind nicht in Stein gemeißelt. Unser Ziel ist eine Gesellschaft die Wissenschaft vor Glauben stellt. Wir wollen Ärzte und keine Quacksalber.
In diesem Sinne - eine andere Welt ist möglich. Ohne Religionen und Kapitalismus.

