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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Die große Stille
Sexueller Missbrauch von Kindern ist in unserer Gesellschaft leider keine Seltenheit. Dennoch wird über dieses Verbrechen großteils geschwiegen.
Wenn in einem Kloster gegessen wird, darf nicht geredet werden. Das gemeinsame Schweigen erzeugt besinnliche Stille. Das ist nur eine Art, wie es Ordensgemeinschaften schaffen ihren sonst so belehrenden Mund zu halten. Eher unbekannt ist, dass die Erzdiözese von Los Angeles im Jahr 2007 den stolzen Betrag von 660 Millionen (!) Dollar als Entschädigung an 500 Missbrauchsopfer von Priestern ausgezahlt hat. Diese außergerichtliche Einigung ist auch eine Methode um Stille zu erzeugen.
Doch man/frau muss nicht in die Ferne schweifen um sexuelle Skandale in der geistlichen Welt zu finden. Der Fall Groer erschütterte die Öffentlichkeit und ließ einen Einblick in die ungesagten Geheimnisse der Kirche zu.
Josef Hartmann sagte 1995 in einem Interview: „ Kardinal Hans Hermann Groer hat mich sexuell missbraucht.“ Groer war sein Lehrer und wurde später Erzbischof und Kardinal von Wien.
Missbrauch in den Mauern der Kirche
Doch was ist der Grund dafür, dass Männer, die in einem Kloster nur unter sich sind und bestrebt sein sollten das Zölibat einzuhalten, erschreckend oft Minderjährige zur sexuellen Befriedigung missbrauchen? Ich möchte mir nicht anmaßen diese Frage wahrheitsgetreu beantworten zu können, doch bin ich der Überzeugung, dass die Sexualität als Urinstinkt weder unterdrückt noch verboten werden sollte. Denn selbst Gott sagte schon: Seid fruchtbar und mehret euch (...)(1Mo 1,22). Durch die Einschränkung der Sexualität wird die Entstehung von Verbrechen gefördert.
Leider findet die Realität nur allzu selten ihren Weg an die Öffentlichkeit. Wie viele Verbrechen in der bedrückenden Stille unausgesprochen sind, mag niemand erahnen.Nach einer statistischen Annahme erfahren jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge als Kind oder Jugendlicher sexuellen Missbrauch. Mann kann davon ausgehen, dass sexuelle Gewalt in jedem Kindergarten, in jeder Schulklasse und auch in der Verwandtschaft vorkommt.
Es bleibt zu befürchten, dass eine Fülle von sexuellen Übergriffen, die unter dem Schutz der Kirche geschehen, nie bemerkt werden. Besonders SchülerInnen von Internatsschulen sind gefährdet zu Opfern zu werden. Die Mauern, die sie als ihre Unterkunft gewählt haben, können zu Mauern des Missbrauchs und der Verzweiflung werden. Oft erkennen die Opfer die Tatsache, dass es sich um Missbrauch handelte wenn überhaupt erst nach sehr langer Zeit.
„Jede sexuelle Handlung, jeder sexuelle Übergriff eines Erwachsenen oder überlegenen Jugendlichen gegenüber einem Mädchen oder Buben geschieht unter Ausnutzung eines Autoritäts-, Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnisses und ist sexueller Missbrauch. Sexuelle Gewalt beginnt dort, wo die Grenzen des Kindes verletzt werden, wo es dazu benutzt wird, um sich sexuell zu erregen und zu befriedigen und um über den kindlichen Körper zu verfügen. “
Wenn Grenzen verletzt werden…
Ein junger Mensch geht zur Nachhilfe zu einem Priester und wird gebeten ihm beim Umziehen zu helfen. Der arme alte Mann habe ja nicht mehr die Kraft um dies alleine zu bewerkstelligen. Alleine durch die Berührung der nackten Beine bezieht der alte Mann seine Befriedigung und erreicht den Höhepunkt.
Allgemein gilt, dass sexueller Missbrauch dort beginnt, wo die Grenzen des Kindes verletzt werden. Es muss keine Penetration stattgefunden haben, jegliche sexuell motivierte Handlung dem Kind gegenüber ist als Missbrauch einzustufen.Beinahe alle missbrauchten Kinder und Jugendliche schweigen. Durchschnittlich dauert es sechs Jahre bis das Opfer den Mut und die mentale Stärke hat das Verbrechen in Worte zu fassen.
„Die Psychodynamik des Missbrauchs auf Seiten der Betroffenen ist komplex und geprägt von den Grundgefühlen Vertrauensverlust, Angst-, Schuld und Schamgefühlen. Ohnmacht und der Zweifel an der eigenen Wahrnehmung führen zum Rückzug auf sich selbst und in die Sprachlosigkeit – daher finden sich so selten verbale Hinweise auf den Missbrauch.“
Sexueller Missbrauch wird durch gesellschaftliche Verschleierung, Tabuisierung, Ausgrenzung der Opfer, bestehende Gesetzeslagen und die Abhängigkeit in ökonomischer Hinsicht unterstützt und verstärkt. Die Kinder und Jugendlichen haben Angst vor den Folgen des Bekanntwerdens des Missbrauchs. Selbst Eltern schenken ihren Kindern oft keinen Glauben, was zu einer zusätzlichen Schädigung der Psyche führt.
Unsere Gesellschaft muss versuchen auch die jungen Menschen ernst zu nehmen, auf Missstände angemessen zu reagieren und offensichtliche Anzeichen von Missbrauch nicht zu ignorieren. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen von den Leuten, die versuchen die dunklen Seiten unserer Gesellschaft totzuschweigen.
Es kann nicht sein, dass der Missbrauch Minderjähriger verharmlost und ignoriert wird.Es kann nicht sein, dass Kinder und Jugendliche, ob in einem Kloster oder andernorts zu Gegenständen der Befriedigung benutzt werden. Es kann nicht sein, dass die Stille die Überhand gewinnt.

