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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Am Weg zum akademischen Proletariat?
Dwora Stein, Geschäftsführerin der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-DJP) und Universitätsrätin, im Interview über Hochschulpolitik und warum die Gewerkschaft auch Studierende vertritt. Stein erklärt, wieso sie den Universitätsrat nicht mehr abschaffen würde und inwiefern die Gewerkschaft die Politik mitgestalten kann.
Warum vertritt die GPA-DJP Studierende, obwohl diese meist noch nicht in der praktischen Arbeitswelt stehen?
Wir organisieren sowohl Studierende als auch SchülerInnen, um sie auf die Arbeitswelt vorzubereiten und auch weil sie oft neben dem Studium bzw. der Schule arbeiten gehen (müssen).
Natürlich ist es auch wichtig, Berufserfahrung zu sammeln. Aber eine Studie der ArbeiterInnenkammer hat belegt, dass der Großteil der Studierenden arbeiten geht, weil sie anders nicht auskommen würden. Insbesondere ist es wichtig, ihnen die Arbeit der Gewerkschaft zu vermitteln und sie auf Arbeitsbedingungen usw. hinzuweisen. Die GPA fordert in der Bildungspolitik Verbesserungen, weswegen diese Gruppe auch vertreten wird.
Welche Studienbedingungen würden die Situation verbessern?
Zwei Drittel der Studierenden arbeiten, mehr Angebote für berufstätige Studierende sind also nötig. Dabei geht es etwa um leistbare Kinderbetreuungseinrichtungen, oder auch um Angebote während der Semesterferien. Auch bei den Praktika liegt einiges im Argen, da diese oft unterbezahlt oder gar unbezahlt sind.
Wie sind Sie mit der neuen Regelung der Studiengebühren zufrieden?
Dass sehr viele befreit sind, finde ich in Ordnung. Den bürokratischen Aufwand, der jetzt notwendig ist um die Ausnahmeregelungen zu administrieren, halte ich für einen Wahnsinn. Insofern haben wir die RektorInnen so weit, dass sie für die Abschaffung der Studiengebühren sind. Mittlerweile bin ich schon der Meinung, dass es zwar keine Zugangsbeschränkungen geben sollte, aber eine klug konzipierte Studieneingangsphase. Diese könnte vor Studienaufnahme stattfinden und würde eine größere Sicherheit schaffen, ob das Studium für EineN wirklich das Richtige ist. Diejenigen, die diese erste Hürde nehmen, müssten auch die Möglichkeit haben, ohne weitere Behinderungen durch das ganze Studium durchzumarschieren. Nach dem Bachelor ein Nadelöhr zu schaffen, halte ich für keine gute Idee. Dadurch schaffen wir ein akademisches Proletariat.
Wie stehen Sie zum Universitätsgesetz 2002 (UG02), insbesondere aus der Sicht Ihrer Position als Universitätsrätin?
Die GPA-DJP hat zum UG02 ursprünglich eine sehr negative Stellungnahme abgegeben. In der Zwischenzeit - und das sage ich nicht nur weil ich Mitglied des Universitätsrates bin – kann dieser schon ein gutes Korrektiv sein. Dass aber Gruppen ausgeschlossen sind, halte ich für schlecht. Vor allem für Studierende, die nicht miteinbezogen sind und den unterrepräsentierten Mittelbau. Ich halte es für einen Skandal, dass die BetriebsrätInnen seit dem nur mehr berechtigt sind, aber kein Mitwirkungsrecht mehr haben. Das gehört alles korrigiert bei der nächsten Novelle. Aber ich wäre dagegen, den Universitätsrat wieder abzuschaffen. Ich bin aber auch dagegen, die UniversitätsrätInnen mit mehr Rechten auszustatten.
Wie zufrieden ist die GPA-DJP mit der neuen Regierung?
Die Regierung gibt es. Sie soll einmal zeigen, was sie zusammenbringt. Es gibt den guten Willen, anders zu arbeiten und es besser zu machen als die vorige Regierung. Auch gibt es mehr Ansätze als bisher, mit allen gesellschaftlich relevanten Gruppierungen in einen Dialog zu treten und sie einzubeziehen. Das gilt auch für die SozialpartnerInnen. Vor allem das Vorziehen der Steuerreform ist auch im Anbetracht der Wirtschaftslage extrem wichtig. Was das Volumen betrifft, ist es viel zu wenig. Dass das Steuersystem überhaupt nicht angegangen wird, ist auch ein Wermutstropfen. Da müssen noch viele weitere Schritte folgen.
Wie finden Sie die Besetzung von Rudolf Hundsdorfer als Sozialminister und die Verlagerung vom Arbeitsbereich weg vom Wirtschaftsministerium hin zum Sozialministerium?
Dass der Bereich Arbeit wieder ins Sozialministerium gewandert ist, finde ich sehr wichtig. Das war auch unsere Forderung und das sehe ich als gutes Zeichen. Einerseits ist es sicher gut, dass GewerkschafterInnen gesellschaftspolitisch so ernst genommen werden, dass sie MinisterInnenfunktionen ausüben können. Andererseits halte ich es gerade in zeiten wie diesen für nicht unproblematisch, als ehemaliger Gewerkschaftspräsident Sozialminister zu sein. Ich glaube, dass sehr schwere Zeiten auf uns zukommen werden und einE starkeR GewerkschaftspräsidentIn und starke Gewerkschaftsvorsitzende haben da mehr Steuermöglichkeiten als irgendwelche MinisterInnen. Insofern ist das keine einfache Position, die Rudolf Hundsdorfer bekleidet. Andererseits ist es für uns wichtig, eine Ansprechperson in der Regierung zu haben, die aus der Gewerkschaft kommt. Welche die Probleme kennt und weiß, was die Forderungen sind. Ich gehe davon aus, dass Rudolf Hundsdorfer diese Forderungen, die er vor kurzem selbst formuliert hat, nicht vergessen wird.
Die Gewerkschaft ist die größte außerparlamentarische Organisation. Kann man außerhalb mehr Druck machen als einE GewerkschafterIn in der Regierung?
Wir dürfen uns nicht beeinflussen lassen, ob einE GewerkschafterIn in der Regierung sitzt oder nicht. Es geht darum, dass Politik gemacht wird – ganz egal von wem. Wir müssen, wenn unsere Forderungen kein Gehör finden, Druck erzeugen. Ganz unabhängig davon wer in der Regierung sitzt.
Inwiefern setzt sich die GPA-DJP für teilzeitbeschäftigte Frauen ein, die durch die oft nicht vorhandene Kinderbetreuung in diesem Beschäftigungsverhältnis stehen (müssen)?
Erstens haben wir im letzten Jahr den Mehrarbeitszuschlag für Teilzeitbeschäftigte erreicht, die mehr arbeiten als vertraglich vereinbart. Das führt oft dazu, dass die Arbeitsverträge in Richtung höherer Arbeitsverpflichtung abgeändert werden. Das ist ein wichtiger Schritt. Zweitens soll es eine flächendeckende Möglichkeit geben, Kinder unterbringen zu können. Es soll kein reines Versorgungsinstitut sein, sondern als Bildungseinrichtung angesehen werden. Es gibt schon Fortschritte, aber keine ausreichenden. Drittens soll das einkommensabhängige Karenzgeld für Väter attraktiv gemacht werden, damit die Betreuungspflichten gerecht aufgeteilt werden können. Im Übrigen geht es nicht darum, Teilzeitbeschäftigung zu verdammen, sondern eine echte Wahlmöglichkeit und vor allem eine Umstiegsmöglichkeit zu schaffen.
Info: GPA-DJP
Die „Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck Journalismus und Papier“ (kurz GPA-DJP) vertritt Angestellte, JournalistInnen, Lehrlinge, Studierende, SchülerInnen, atypisch Beschäftigte und Zivil- und Präsenzdiener. Mit fast dreihunderttausend Mitgliedern ist die GPA-DJP die größte Teilgewerkschaft Österreichs und damit ein wichtiger politischer Akteur. Ein vernünftiges Gehalt bei deinem Ferienjob bzw. bei deinem Teilzeitjob neben dem Studium kommen nicht per Gesetz und schon gar nicht von allein – sondern werden von den Gewerkschaften erkämpft.
Mehr Informationen über die GPA-DJP und deren Serviceleistungen findest du auf www.gpa-djp.at.
Info: UG02
Das Universitätsgesetz 2002 (UG 02) wurde in der Zeit von Schwarz-Blau unter der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer mit der Absicht erlassen, die Mitbestimmung von Studierenden und dem Mittelbau (AssistenzprofessorInnen, allgemein Bedienstete) an den Universitäten - im speziellen dem Senat - zu beschneiden.
Die ProfessorInnen wurden mit einer Mehrheit ausgestattet und sind seitdem auch ohne den Studierenden und dem Mittelbau beschlussfähig. Davor waren alle integralen Teile der Universität in den Gremien gleichberechtigt vertreten. Weiters wurden den Universitäten mehr Autonomie zugesprochen, was zu einer Verschlechterung des Studienangebotes führte.
Mehr und detaillierte Informationen sowie eine Stellungnahme findest du auf www.vsstoe.at.

