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Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
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Frauen und Migration

Weltweit sind rund 50 Prozent der ArbeitsmigrantInnen und weit über die Hälfte der 40 Millionen Flüchtlinge weiblich. Dennoch ist in unseren Köpfen das Bild des abenteuerlichen männlichen (!) Pioniers verankert, der in die Fremde reist, sich eine neue Existenz aufbaut und im Anschluss daran Frau und Kinder nachkommen lässt.

Ohne Zweifel ein Weg, den viele gehen, aber genügt es eine Art von Migration zu analysieren, um generell etwas über Migration auszusagen? Der Begriff „MigrantIn“ ist ohnehin schon schwer fassbar, weil dieser in den Statistiken der verschiedenen Staaten unterschiedlich definiert wird. Abgesehen davon ignoriert diese Vorstellung die Lebensrealität von Frauen. Es bedarf eines stärkeren Fokus auf Frauen und ihre – leider geschlechtsspezifischen – Erlebnisse als Migrantinnen[1].

Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Hürden, vor die Migrantinnen immer wieder gestellt werden, im Speziellen mit dem Menschenrechtsskandal Frauenhandel.

Frauen flüchten

Wie bereits erwähnt wird Migration, vor allem aber Flucht, vermehrt zu einem weiblichen Phänomen, aber warum sind gerade Frauen so stark betroffen?

Zum einen spielt die gegenwärtige Kriegsführung eine Rolle, welche die Zivilbevölkerung in besonderem Maße trifft. Zum anderen ist die Feminisierung der Armut zu nennen, die sich aus der Lohnungleichheit und der fast ausschließlich von Frauen geleisteten unentgeltlichen Hausarbeit erklären lässt.

Hinzu kommen sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung (FGM) und andere Auswirkungen patriarchaler Strukturen, die speziell Frauen zur Flucht bewegen. Schon bei der Planung und Umsetzung einer Flucht tun sich Hindernisse auf. Schätzungen der UNHCR zufolge schaffen es nur 1% der weiblichen Flüchtlinge ihr Ziel zu erreichen, nicht zuletzt deshalb, weil viele der betroffenen Frauen nicht über eigene finanzielle Mittel verfügen. Auch im Aufnahmeland haben Frauen damit zu rechnen ungleich behandelt zu werden. Die Genfer Flüchtlingskonvention erkennt geschlechtsspezifische Fluchtgründe nicht an und es droht mitunter von Seiten der Behörden erneut Gewalt. Im Austausch für eine positive Entscheidung wird von Beamten, die über den Flüchtlingsstatus der Antragstellerinnen entscheiden, Geschlechtsverkehr erzwungen. Beispielsweise ist heute bekannt, dass in den 80ern in Djibouti-Stadt Angestellte von Behörden weibliche Flüchtlinge zu sexuellen Handlungen als Bedingung für die Ausstellung eines Flüchtlingsausweises zwangen.

Frauenhandel auch nach Österreich – wenn Menschen zur Ware werden

Auf Wiens Straßen kann mensch sie finden: Opfer von Frauenhandel. Es handelt sich bei Zwangsprostitution, Zwangsehe und der Vermittlung von Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse nicht um Einzelschicksale, längst sind diese Verbrechen in ein System gegossen und zu einem lukrativen Geschäft gemacht worden.  Mit der „Ware Frau“ wird inzwischen mehr Geld gemacht als mit Drogen- oder Waffenhandel: Bis zu 15 Milliarden Euro weltweit, zwischen 7 und 13 Milliarden Euro europaweit werden pro Jahr durch Frauenhandel verdient. Und es sind die, die wegsehen, weghören und verharmlosen, die die Zwangslage jener Frauen aufrechterhalten.

Verhältnisse in der Heimat

Viele der Frauen stammen aus so genannten Peripheriestaaten, als Beispiel sei Nigeria genannt, das etwa seit den 1980er Jahren in eine nicht enden wollende Wirtschaftskrise verstrickt ist, wo die herrschende Klasse lediglich die eigenen Interessen vertritt und Erwerbsarbeit knapp ist. Wobei nicht nur Frauen aus dem Süden betroffen sind, gerade seit dem  Fall des eisernen Vorhangs sind es vor allem Frauen aus Mittel- und Osteuropa, die in den Westen gehandelt werden.

Mit der Hoffnung, sich in Europa eine bessere Existenz aufbauen zu können, unabhängig von Ehemann oder Vater einer Arbeit nachzugehen und so die Familie aus der Ferne finanziell unterstützen zu können, werden Tausende von ihrem Zuhause weggelockt und auf eine beschwerliche, in vielen Fällen tödliche Reise geschickt. Vor Antritt dieser Reise werden Viele zu einem „Voodoo-Zauberer“ geschickt, der sie mit einem „Bann“ belegt und ihnen einen Eid abnimmt, der sie verpflichtet, in Europa jede Arbeit zu verrichten, die von ihnen abverlangt wird und unter keinen Umständen ihre SchlepperInnen zu verraten. Für viele Gläubige ist diese Zeremonie mit Geistergeschichten ausreichend einschüchternd, um zu gehorchen.

Die Reise

Da die Möglichkeit für Direktflüge durch verstärkte Kontrollen nicht mehr gegeben ist, müssen die Mädchen und Frauen oft zu Fuß (!) die gesamte Sahara durchqueren, werden auf der Reise selbst mehrmals an ZwischenhändlerInnen verkauft, vorübergehend in Flüchtlingslagern untergebracht, dort vergewaltigt und geschlagen. Viele der Mädchen und Frauen stecken sich mit Infektionskrankheiten an, oft müssen sie Tage ohne Wasser auskommen.

Ankunft im Land der (Alb-)Träume: Österreich

Bestechung, gekaufte Visen und gefälschte Papiere, die bereits gehandelten Frauen abgenommen werden und bei denen das Foto ersetzt wird, ermöglichen die Einreise.

Dort angekommen, werden ihnen nun die „Kosten“ ihrer Reise vorgerechnet, die es abzubezahlen gilt. Erst wenn die Schulden beglichen sind, so die SchlepperInnen, können die Autonomie und die Unterstützung der Familie beginnen. Es handelt sich hier um Beträge in der Höhe von 40.000 bis 60.000 Euro. Meist werden die Frauen in 2-Zimmerwohnungen untergebracht, wo bis zu acht Personen unter der Hand einer so genannten Madame hausen. Diese Madame ist es auch, die den Mädchen und Frauen die Papiere abnimmt und sie kontrolliert. Da oft keine Kondome zur Verfügung gestellt werden, gehören Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaften und von PfuscherInnen durchgeführte und somit oft lebensgefährliche Abtreibungen zum Alltag.

Die Frauen leben meist völlig isoliert von der Außenwelt, unter ständiger Beobachtung und Kontrolle, wissen sich aber – aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, Isolation und dem geleisteten Eid zu Hause – oft nicht zu helfen.

Zwangsprostitution ist nicht die einzige Form des Menschenhandels, auch mit dem Handel in die Ehe schlagen HändlerInnen Profit. HeiratsvermittlerInnen bieten Frauen in Katalogen oder im Internet an, bei Nichtgefallen hat der Kunde ein "Rückgaberecht".  Die Grenzen zum Handel in die Prostitution sind fließend. So gehen HändlerInnenringe mehr und mehr dazu über, Frauen zum Schein mit Männern aus dem Milieu zu verheiraten. Sie erhalten damit eine legale Aufenthaltserlaubnis und sind noch fester im System des Menschenhandels verankert.

Auch die Vermittlung in prekäre Arbeitsverhältnisse ist eine Form des Frauenhandels. In den Herkunftsländern werden die Frauen mit einem interessanten Angebot angeworben. Doch die Jobs im Ankunftsland entpuppen sich als Ausbeutungsverhältnisse: Die Migrantinnen müssen nicht nur Unterbezahlung und Lohnverweigerung hinnehmen, sie sind auch sexuellen Belästigungen ausgeliefert. Die Frauen arbeiten meist in Bereichen, die arbeitsrechtlich weniger streng geregelt sind, wie zum Beispiel in Haushalten. Wenn sie zudem nicht im Besitz einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung sind, werden viele gezwungen aus Angst vor der Abschiebung fast jede Schikane hinzunehmen.

Das österreichische Rechtssystem spielt den SchlepperInnen in die Hände, da es für Menschen im Asylstatus legal ist Sexarbeit zu verrichten. Über ihre Rechte wissen viele nicht Bescheid, Vertrauen in die österreichischen Behörden haben die wenigsten, oft zu Recht. Denn viele Behörden verweigern sich den Betroffenen anzunehmen.

Hilfe?

Derzeit gibt es einige Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich für die Rechte dieser Frauen und Mädchen einsetzen, beispielsweise „Exit“ und LEFÖ.

Doch beim Versuch, Frauenhandel zu stoppen, treten schwer zu lösende Probleme auf: Die Gesetzlage müsste verändert werden, die Opfer aus der Illegalität geholt und die Ursachen bekämpft werden. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Opfer und Täterin schwimmend ist (viele Täterinnen waren vorher Opfer). Meist genügt es nicht die Betroffenen aus ihrer Zwangslage „heraus zu holen“, da sie in weit greifende Netzwerke verstrickt sind, die ihre Familie zu gefährden wissen. Um Frauenhandel nachhaltig bekämpfen zu können, müssen weiterreichende Forderungen erfüllt werden.

  • In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der es nach wie vor eine Hierarchie der Geschlechter gibt, gleicht der Kampf gegen sexuelle Ausbeutung einem Kampf gegen Windmühlen. Voraussetzungen müssen geschaffen werden, die Frauen nicht in die Situation bringen, keine andere Möglichkeit zur Selbsterhaltung als den Verkauf des eigenen Körpers zu haben. Erst mit der Gleichberechtigung der Frau wird Frauenhandel in die Prostitution eindämmbar.

  • Grund für Frauenhandel ist nicht „nur“ die Unterdrückung in den Herkunftsländern, sondern auch die dort herrschende Armut und die Aufrechterhaltung des Peripheriestatus. Es bedarf einer Politik, die diese vertikalen Interaktionsbeziehungen aufhebt und den Aufbau einer selbstbestimmten Politik und Wirtschaft in den betreffenden Ländern ermöglicht.

  • Nicht zuletzt ist auch die Migrationspolitik Ursache des Menschenhandels. Einerseits ist der Bedarf an Arbeitskräften (v.a. im sexuellen Dienstleistungssektor) groß, andererseits sind die Asylregelungen meist so repressiv, dass der Grenzübertritt nur illegal gelingt. Erst wenn die Migrationspolitik reformiert wird, kann auch dem Handel mit der „Ware Frau“ entgegengewirkt werden.

 

Quelle und Leseempfehlung:

Kreutzer, Mary / Milborn, Corinna (2008): Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa. Verlag ecowin, Salzburg.

Martina Schöttes und Monika Schuckar (1994): Frauen auf der Flucht, Berlin

Susan Brownmiller (1973):Gegen unseren Willen – Vergewaltigung und Männerherrschaft, Fischerverlag


[1] Leseempfehlung, die auf die aktive und initiative Bedeutung von Migrantinnen eingeht: Simone Prodolliet (1999): Spezifisch weiblich: Geschlecht und Migration. In: Zeitschrift für Frauenforschung. 17. Jg. S. 26-42

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