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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
„Die Emanzipation war ein fataler Irrtum.“ (Eva Herman)
Biologischer Determinismus ist der Versuch, den Herrschaftsanspruch des Mannes über die Frau durch „natürliche“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu rechtfertigen.
Das ist keine neue Idee. Noch zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde behauptet, dass Frauen wegen ihrer Gebärmutter zu Ichbezogenheit, Geltungssucht, Leichtsinnigkeit uvm. neigen.
Stammtischparolen
Heute lassen sich da schon elegantere Argumente finden. Neuerdings steht das Gehirn im Mittelpunkt des Interesses. Oder besser die Hormone, die ja zum Teil für die Entwicklung und Funktion des Gehirns verantwortlich sind. Neueste Erkenntnis ist, dass Frauen dann, wenn ihr Hormonspiegel am tiefsten ist (also während der Menstruation), beim mentalen Rotationstest genauso gut abschneiden wie Männer. Das weibliche Sexualhormon Progesteron soll nämlich auf viele Hirnprozesse dämpfend wirken.
Zwei Stammtische weiter dient diese hochwissenschaftliche Erkenntnis zur Untermauerung der These, dass Frauen aufgrund ihrer hormonellen Schwankungen unberechenbare Wesen seien. Ihrer biologischen Voraussetzungen wegen sollten sie sich besser nicht auf „männliches“ Terrain vorwagen und sich von technischen Berufen fernhalten. Und wenn mann mal ehrlich ist („Heutzutage darf’s ja nicht mehr laut gesagt werden“), dann ist es doch das Beste für frau, wenn sie hübsch die Kinder hütet und sich darauf auch beschränkt. Das ist eben das, was sie am besten kann, wie unschwer an ihrer Hirnstruktur und an ihrem Hormonhaushalt zu erkennen ist. Dank zahlreicher fundierter Ratgeber verfügt mittlerweile jedermann über das nötige Wissen, um so argumentieren zu können.
Dass die zwischen Männern und Frauen festgestellten Unterschiede viel, viel kleiner sind als die Streuung innerhalb eines Geschlechts (dass das also Mittelwerte sind, die rein gar nichts über die Leistung einzelner Frauen und Männer aussagen), dass keineR weiß, inwieweit sie nicht auch anerzogen sind (wie und was wurde in der Kindheit gelernt?) und dass, last but not least, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns noch lange nicht vollständig geklärt ist und sicher noch viele Überraschungen für uns bereit hält, wird nicht erwähnt. Bequemer könnte es das Patriachat nicht haben. Die Dominanz des Mannes ist gott- und naturgegeben. Wie die Regentschaft des Sonnenkönigs im Absolutismus. Wie die Minderwertigkeit schwarzer SklavInnen. Alles klar.
Rückschritte?
Aber auch unter manchen Frauen stößt der neue Biologismus auf offene Ohren. Das könnte mann als Indiz dafür sehen, dass sie sich im Grunde nach ihrer natürlichen Rolle, von der die Achtundsechziger sie zu „entfremden“ suchten, sehnen und sich gerne unterordnen, gerne den ganzen Tag waschen, backen und Windeln wechseln würden, ließe mensch sie nur. Es könnte aber auch heißen, dass sie aufgerieben werden zwischen klischeehaftem „Frausein“ müssen und Erfolgsdruck, Beruf und Kindern und dass sie hoffen, es gäbe einen leichteren Weg als den ewigen Kampf um Gleichberechtigung. Oder dass ihnen, die in der Gesellschaft herrschende Frauenfeindlichkeit und Abwertung von Frauen selbstverständlich genug erscheint, um als „natürlich“ durchzugehen.
Was auch immer an (mehr oder weniger seriösen) Forschungsergebnissen vorgelegt werden wird, das „Genderproblem“ lässt sich durch Hirnstrommessungen sicher nicht lösen. Weil es ein gesellschaftliches und politisches Problem ist, kein medizinisches. Weil es um gerechte Arbeitsverteilung und Chancengleichheit geht, um Geld und auch um Respekt. Weil wir nicht gezwungen sind, unser Leben nach unserer biologischen Eignung auszurichten. Will heißen, egal wie sehr das weibliche Gehirn im Allgemeinen auf Umsorgen des Nachwuchses oder mitfühlendes Zuhören ausgerichtet ist (und wie sehr das zutrifft, steht wirklich in Frage): Wenn eine junge Frau Lust hat, Tiefbauingenieurin zu werden und kinderlos zu bleiben, dann muss ihr der Weg geebnet werden. Es ist ihr Menschenrecht, frei zu wählen.

