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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Das andere Geschlecht - immer noch anders
Simone de Beauvoir wäre am 9. Jänner 100 Jahre alt geworden. Dieses Jubiläum bietet einen willkommenen Anlass sich wieder mit dem interessanten Leben und dem vielfältigen Werk dieser bemerkenswerten Frau auseinanderzusetzen.
Beauvoir war eine der schillerndstenfranzösischen Intellektuellen.
Ihr ungewöhnlicher Lebensstil hatte für viele Vorbildwirkung: Sie führte eine lebenslange offene Beziehung mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre und war auch finanziell unabhängig. Aber auch ihr Werdegang ist interessant: Aus bourgeoisen Verhältnissen stammend, konnte Simone de Beauvoir von der Öffnung der Hochschulen für Frauen profitieren und studierte zwischen den beiden Weltkriegen
sowohl an der Sorbonne als auch an der Elitehochschule École Normale Supérieure.
Sie schloss ihr Philosophiestudium als Jahrgangszweite ab – Jahrgangsbester war Jean-Paul Sartre – und unterrichtete als eine der ersten Philosophiedozentinnen Frankreichs. Während ihres Studiums machte sie auch Bekanntschaft
mit Maurice Merleau-Ponty undClaude Lévi-Strauss.
„man wird nicht als Frau geboren“
Ab Mitte Dreißig begann sie sich als Schriftstellerin zu etablieren: Sie schrieb Romane, autobiografische Schriften, philosophische Essays und verfasste Artikel für Les Temps Modernes und Combat. Sie war vor allem mit ihren Memoiren erfolgreich, aber auch mit dem Roman Les Mandarins, der einen Querschnitt des intellektuellen Zirkels im Paris der Nachkriegsjahre bot und für den sie auch mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet
wurde. Ihr bekanntestes Werk ist jedoch Das Andere Geschlecht, dessen Hauptthese
verkürzt lautet: „Man wird nicht als Frau geboren.“
Frauenbild
Als existentialistische Philosophin verneint Beauvoir die Vorstellung einer weiblichen Essenz und betont vor allem die gesellschaftliche Konstruktion der Frau als das Andere des Mannes. Ausführlich legt sie dar, dass eine Frau weder aufgrund ihres Körpers, ihres Geistes noch aufgrund der historischen Entwicklung dem Mann unterlegen sein muss. Sie legt den Mythos Frau in seiner Widersprüchlichkeit dar und versucht stattdessen anhand einer akribischen Beschreibung des Lebenswegs einer Frau zu zeigen, mit welchen Hindernissen und Benachteiligungen Frauen zu kämpfen haben. Sie charakterisiert die Frau als zerrissen zwischen ihren individuellen Interessen und ihrer „Pflicht“ gegenüber der Gesellschaft, der Mutterschaft. Vor allem an ihrer Darstellung der weiblichen Sexualität und ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Mutterschaft empörte sich die öffentlicheDiskussion.
Als beide Bände 1949 erschienen, führte dies zu einem unvorhergesehenen Skandal.
Während sie als Philosophin oft auf ihre Beziehung zu Sartres reduziert wurde, war es der Ruhm dieses Buches, weswegen Beauvoir oft als Mutter des Feminismus bezeichnet wurde und weswegen sich die Frauenrechtsbewegung der 70er Jahre in ihrem Kampf gegen die Abtreibung um Unterstützung an Beauvoir wandten. So beteiligte sich auch Beauvoir an den studierendenprotesten und engagierte sich in Frauenorganisationen.
Aktualität
Auch wenn die differenzialistischen Feministinnen der jüngeren Frauenbewegung einen anderen Weg gingen, sich an der Psychoanalyse Jacques Lacans orientierten und in ihrer Suche nach einer écriture féminine einen konträren Standpunkt zum anti-essentialistischen Denken Beauvoirs einnehmen, haben andere Philosophinnen ihre Theorien wiederaufgenommen. Hier ist vor allem Judith Butler zu nennen, die wohl am radikalsten die Performativität der Geschlechterkonstruktion betonte. Aber auch im deutschsprachigen Raum meldet sich Alice Schwarzer immer wieder
mit neuen Veröffentlichungen über Beauvoir zu Wort.
Manch ihrer Forderungen in Das Andere Geschlecht wirken heute selbstverständlich, andere sind noch immer aktuell. Doch wer vom Umfang dieses Buches abgeschreckt wird, findet auch in ihren Memoiren, Tagebüchern oder dem Briefwechsel mit Sartre und dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren einen Zugang zu Simone de Beauvoir. Oder aber besucht einfach am 8.Jänner um 18..30 die Podiumsdiskussion im Renner-Institut zum Thema „Was bedeutet Feminismus heute?“

