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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Weblogs - wissenschaftliche ?!
Weblogs sind in und prägen die politische Berichterstattung, keine Frage. Aber können sie auch mit dem wissenschaftlichen Anspruch universitärer Texte mithalten?
Hochschulliteratur im klassischen Sinne, wie Seminararbeiten, Essays oder Excerpte, sind stark formalisiert, wobei die einzelnen Textkriterien stark von der Fachrichtung und dem dortigen Usus abhängen – alleine die Frage der Zitierweise verrät die fachliche Herkunft eines Textes. Anne Thillson konstatiert hochschulliterarischen Texten einen klaren Wissensanspruch. Damit ist gemeint, dass der/die AutorIn alles über das Thema gelesen haben sollte und im Text nicht die eigenen Forschungslücken thematisiert.
Formalisierung geschieht aber weniger durch klar vorgegebene Muster wie Zitate, sondern vor allem über die standardisierte und normierte Sprachwahl – wer sich den sprachlichen ??Usancen?? nicht anpasst, wird nicht ernst genommen. Das StudentInnen aus bildungsfernen Schichten diese festgelegte Sprachnormen erst mühsam erlernen müssen, passt in das sozial selektive Bild der Universitäten – wer sich nicht anpasst, kann eben nie zur wissenschaftlichen Elite gehören.
Weblogs unterscheiden sich demnach also nicht nur optisch von klassischen Hochschultexten.
Und was ist anders ?
Der wohl wesentlichste Unterschied sind die formalen Eigenschaften eines Weblog-Eintrags, der die Hürde zur Veröffentlichung eigener Texte für AutorInnen, egal ob StudientInnen oder nicht, wesentlich senkt. Klickt mensch sich durch die momentan exisitierenende Blogs zu „klassisch wissenschaftlichen“ Themen fällt vor allem eines auf: Es werden Wissenslücken zugegeben und Forschungsfragen gestellt. Die AutorInnen beziehen sich nicht nur auf die fünf Standartwerke der Fachrichtung, sondern vernetzen sich über Links im Text zu anderen wissenschaftlichen wie nicht- wissenschaftlichen AutorInnen. Aber auch hinsichtlich der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mehrerer AutorInnen bieten Webblogs neue Wegen indem sie eine Kategorisierung der Inhalte schaffen, die mit den Inhalten wächst und immer wieder neu transformiert werden kann. Wissen wird über fertige Artikel, Forschungsfragen aber auch archivarisch als Gedächtnisstütze für andere zugänglich gemacht -Wissen wird kollektiv und öffentlich, ohne etwas von der vielgepriesenen „Qualität“ wissenschaftlicher Texte zu verlieren.
Ein anderer Wissensbegriff
Während von AutorInnen „klassischer Hochschuliterarität“ erwartet wird den wissenschaftlichen Habitus bereits zu kennen und Unwissen ein großer Fehler zu sein scheint, fördert ein Weblog den Lernprozess an sich, lässt Fehler und gegenseitige Hilfe der AutorInnen zu – verlangt diese sogar! Weblogs als Intrument, um einen „Lernprozess zu fördern, überschauen zu können und auch zu steuern (Gasteiner, S.232)
Insgesamt orientieren sich Weblogs an einem breiteren Wissensbegriff, sind sozial durchlässiger und weniger auf die akademische Elite zentriert als klassische Uni-Arbeiten, obwohl auch der Umgang mit dem Computer Infrastruktur und Blogs selbst einen recht hohen Zeitaufwand benötigen.
Gemeinsame Wissenschaft
Bei der Frage eines gemeinsamen wissenschaftlichen Diskurses innerhalb einer Fachdisziplin oder einer Fragestellung sind Weblogs noch eine zu wenig genutzte Publikationsmethode. Während klassische universitäre Texte mit Fußnoten arbeiten und damit nur begrenzte Antwort auf neue Impulse bekommen und geben können, funktioniert eine gemeinsame Forschung mit dem Instrument „Weblog“ über Links, die eine Rückverfolgung ermöglichen. Diese Rückverfolgung zeigt nicht nur den gesamten Originalinhalt, sondern ermöglicht eine Weiterentwicklung von Inhalten und Ideen in einer ganzen anderen Geschwindigkeit – schließlich müssen wissenschaftliche BloggerInnen nicht auf die Publikation eines Buches sondern nur auf den nächsten Eintrag warten.
Literatur
Anne Maria Thillosen: Schreiben im Netz. Neue literale Praktiken im Kontext Hochschule (Medien in der Wissenschaft 49), Münster 2008.
Martin Gasteiner und Jakob Krameritsch, Schreiben für das WWW: Bloggen und Hypertexten, in: Wolfgang Schmale: Schreib-Guide Geschichte. Schritt für Schritt wissenschaftliches Schreiben lernen (UTB Geschichte, Arbeitshilfen 2854) [2. dt. Ausg.], Wien 2006, S. 231-270.
www.rotebrille.at – der Webblog des VSStÖ Wien

