Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

It‘s the university, stupid!

Österreichs Universitäten zeichnen sich durch miserable Studienbedingungen und autoritäre Strukturen aus. Auswege aus der Tristesse sind schwer vorstellbar, dafür aber umso notwendiger.

Es ist jedes Semester dasselbe. Frühestens, wenn die Anzahl der Anmeldungen für Lehrveranstaltungen die doppelte Anzahl der verfügbaren Plätze überschreitet, und spätestens wenn sich in den ersten Wochen des Semesters Studierende in hoffnungslos überfüllte Seminarräume und Hörsäle quetschen, dämmert eine Erkenntnis. Selbst wenn es während dem alltäglichen Wahnsinn oftmals ignoriert werden kann, zu Semesterbeginn bleibt es nicht einmal dem oder der letzten verborgen: Österreichs Hochschulen sind massiv unterfinanziert und bieten dem Großteil der Studierenden schlicht und ergreifend miserable Studienbedingungen.

Doch es scheint keine Verantwortlichen für diesen Umstand zu geben. Verweisen doch Institute, Fakultäten und Studienprogrammleitungen gerne auf die fehlenden Mittel, welche von den Rektoraten eben nicht zur Verfügung gestellt werden. Die Rektorate hingegen behaupten ebenso, handlungsunfähig zu sein, da sie von Seiten des Wissenschaftsministeriums zu wenig Mittel zugewiesen bekämen. Das Wissenschaftsministerium aber weist auf die Autonomie der Universitäten, die eine direkte Intervention zugunsten besserer Studienbedingungen verunmöglicht und begnügt sich mit dem Hinweis, den Universitäten stünde es offen, ihren Finanzbedarf über zusätzliche Drittmittel zu decken.

Wo liegt der Hund begraben?

Der Hintergrund dieses Kompetenz-Wirr-Warrs liegt im Universitätsgesetz (UG) 2002, welches davon ausgeht, „dass man die Universitäten am besten so organisieren könne wie die Bundesliga oder einen Song Contest“ (Wendelin Schmidt-Dengler).  Davor waren die Universitäten dem Wissenschaftsministerium direkt unterstellt. Die Organisation des Studien- und Lehrbetriebs war weitgehend durch Gesetze und über autonome Gestaltungsmöglichkeiten der Universität geregelt. Auch damals waren die Zustände nicht gerade paradiesisch. Aber es war wenigstens offensichtlich, wer für das Elend verantwortlich war und klar, wer es verbessern könnte - wenn der politische Wille nur bestünde.

Mit dem Universitätsgesetz 2002 wurden die Universitäten nur vermeintlich autonom. Sie können sich nun jegliche Struktur geben, theoretisch frei über ihr Budget verfügen, zusätzliche Einnahmequellen auftreiben, über Studienpläne, Lehrveranstaltungsangebot oder auch Berufungen von Professor_innen unbeeinflusst vom direkten Willen des_der Minister_in entscheiden. Doch die Regierung sichert sich durch die Finanzierung über Leistungsvereinbarungen (siehe Box) oder die Entsendung der Hälfte der Mitglieder des Universitätsrats (der Aufsichtsrat des „Unternehmens Universität“) weiterhin zentralen Einfluss. Generell ist es durch das UG 2002 ähnlich wie durch viele vergleichbare „Reformen“ des Hochschulwesens in anderen europäischen Ländern gelungen, die Universitäten in „eine sich selbst tragende Prozessdynamik zu überführen, welche nicht mehr permanenter staatlicher Intervention bedarf“ (Torsten Bultmann).

Universitäten im Wettbewerb

Absurderweise ist durch die Autonomie der Universitäten der Entscheidungsspielraum der Universitäts-Angehörigen beinahe vollständig beseitigt worden. Die zumindest halbwegs demokratischen Selbstverwaltungsorgane wurden ihrer Kompetenzen beraubt – die Studien- und  Fakultätskonferenzen komplett, der Senat weitgehend. Der Studienalltag wird nun beinahe nur noch vom Ministerium und anderen privaten Geldgeber_innen sowie den Rektor_innen, auf deren Bestellung das Ministerium mittelbar Einfluss ausübt, bestimmt.

Die einzelnen Gliederungen der Universitäten werden in einen beinharten Konkurrenzkampf versetzt. Es kommt nun darauf an, bei der nächsten Evaluierung besser als die anderen abzuschneiden, um an heiß begehrte „leistungsbezogene“ Sondermittel zu gelangen.
Dabei steigen jene Disziplinen und Fachbereiche, die wenig wirtschaftlichen Mehrwert schaffen, besonders schlecht aus. Sie leiden entweder an Studienbedingungen, die den Studierenden nicht einmal annähernd ein sinnvolles Studium ermöglichen (die Politikwissenschaft oder die Internationale Entwicklung), leben ständig in der Angst, beschränkt zu werden (die Publizistik) oder kämpfen gar um ihre Existenz als eigene Studienrichtung (die Pflegewissenschaften).

Wahrlich eigenständige Schwerpunktsetzung wird unmöglich, die Freiheit der Wissenschaft bestenfalls zum Treppenwitz der Geschichte. Heutzutage geht es nicht darum, im wissenschaftlichen Diskurs zu intervenieren, sondern um das Erfüllen von Benchmarks, die von der jeweils höheren Ebene vollkommen eigenmächtig festgelegt werden können.

Studierende als Unternehmer_innen ihrer selbst?

Dadurch kommen auch neue Anforderungen an Studierende zum Tragen. Mittlerweile von jeglicher Mitbestimmung ausgeschlossen sollen sie „sich als KundInnen sehen, die vor allem European Transfer Credits [ECTS] nachfragen, aber nicht Inhalte und Didaktik diskutieren“ (Luise Gubitzer). Die Einführung des Bachelor/Master-Systems mit der massiven Einschränkung freier Wahlmöglichkeiten, der Verschulung und der ständigen Angst vor einer Beschränkung des Masters, welche die Kolleg_innen zu Konkurent_innen werden lässt, tut ihr übriges. Doch der Krug geht nur so lange zum Brunnen bis er bricht - immer öfter versuchen Studierende, ihre prekäre Lage aufzubrechen.
An verschiedenen Instituten und Studienrichtungen artikuliert sich Protest, lodert ein Funken an Forderungen nach einem besserem Studium und Mitbestimmung auf. Noch fehlt es an Verknüpfungen zwischen den diversen Kämpfen, die in und über die Universitäten hinaus geschehen. Diese Verknüpfungen herzustellen und die herrschende undemokratische, autoritäre Logik auf breiter Basis zu delegitimieren ist die Aufgabe der Stunde: Dann könnte es unter Umständen gelingen, der Tristesse des Elends zu entfliehen.

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