Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
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„Demontage universitärer Selbstbestimmung“

Universitätsprofessorin Drin Edeltraud Hanappi-Egger, Senatsvorsitzende an der WU, über Universitätsorganisation, strukturelle Diskriminierungen und elektronische Stimmabgabe.

Offensiv:
Sie haben Ihre wissenschaftliche Karriere an der TU Wien begonnen – jetzt sind Sie in der Abteilung für Gender- und Diversitätsmangement an der Wirtschaftsuniversität sowie Vorsitzende des Senats. Wie kam es dazu?

Edeltraud Hanappi-Egger:
Ich habe mich während meines Informatikstudiums mit sozial verträglicher Technikgestaltung, dem sogenannten „social shaping of technology“ beschäftigt. Wie beeinflusst beispielsweise eine starke Hierarchie im Vergleich zu einer eher flachen die Spezifikation eines technischen Systems? Wenn Sie das untersuchen, müssen Sie ausgiebige Organisationsstudien durchführen. Und dann werden Sie sehr schnell mit horizontaler und vertikaler Geschlechtersegregation konfrontiert. Das hat mich zu der Frage geführt, ob Geschlechterphänomene sich in technischen Systemen manifestieren.
Zudem gab es in meinem Jahrgang an der TU zwar schon einen gewissen Frauenanteil, aber ich bin trotzdem oft gefragt worden, warum ich Informatik studiere, und warum das so wenige Frauen tun. Beides hat mich immer wieder zur Gender- und Diversitätsfrage arbeiten lassen, und das war sicher ein Grund für die Berufung an die WU.

Frauen, die wie Sie in wissenschaftlichen Spitzenpositionen tätig sind, sind nach wie vor die Ausnahme – nur 15,3% aller ProfessorInnen sind Frauen. Warum, denken Sie, ist das so?

Ich gehe von einer strukturellen Ursache aus. Organisationen haben Strukturen und Prozesse, die als Filter wirken und bestimmte Gruppen ansprechen oder aussortieren. Dazu gehören tendenziell auch Frauen. Das hat stark damit zu tun, welches Berufsbild vermittelt wird. Was tut beispielsweise ein Manager oder eine Managerin und was nicht? Das kann dazu führen, dass Personen, die sich mit diesen Arten von Attributen weniger assoziieren, dann dafür auch nicht interessieren. Außerdem gibt es auch auf der Uni nach wie vor Männernetzwerke.

Wie könnte man dem entgegenwirken?

Eine Lösung wäre, stärker nach solchen indirekten Barrieren und strukturellen Rahmenbedingungen zu suchen, die einen systematischen Ausschluss von Personengruppen darstellen. Ich bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, das System der Seilschaften einfach zu kopieren. Ich glaube, es braucht transparente, nachvollziehbare Entscheidungsprozesse statt informeller Netzwerke. Hier sind wir weit davon entfernt, besonders feinsinnige Modelle zu haben.

Die universitären Gremien sind durch das Universitätsgesetz 2002 massiv abgewertet worden: Statt demokratischer Strukturen dominiert marktwirtschaftliches Denken. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Das ist eine eindeutige Abwertung der inneruniversitären Selbstbestimmung. Die  Universität wird mit einer Firmenlogik verwaltet, gegen die ich mich persönlich immer gewehrt habe. Das Problem ist, dass die Senatsvorsitzenden keine institutionelle Vereinigung bilden und wenig gehört werden. Das ist eine eindeutige Demontage universitärer Selbstbestimmung und demokratischer Mitbestimmung der Universitätsangehörigen, daran besteht kein Zweifel.

Sie sind Mitglied im Universitätsrat der TU Graz. Welche Rolle spielt der Universitätsrat als Gremium in dieser Entwicklung?

Ich sehe mich selbst als eine Universitätsfrau im Universitätsrat. Ich berate die TU Graz mit ihren Plänen und strategischen Ausrichtungen, auch unter einem Genderaspekt. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, auf Strategien der Universitäten Einfluss zu nehmen. Dass es de facto radikale Lenkungsmöglichkeiten gibt – der Unirat genehmigt beispielsweise den Entwicklungsplan – sehe ich tatsächlich als problematisch. Ich denke auch, dass die Wahl des Rektors oder der Rektorin unbedingt eine interne Angelegenheit bleiben soll und muss.
Wenn jetzt die geplante UG-Novelle umgesetzt wird und ein guter Teil der Kompetenzen vom Senat an den Unirat delegiert wird, dann halte ich das für eine ganz ganz problematische Mischung. Noch dazu mit dem Wissen, dass immerhin die Hälfte des Unirates vom Ministerium geschickt wird.

Wie bewerten Sie die 40%-Quote für Frauen in Uni-Gremien, die eingeführt wird?

Die Universitäten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es mit der Organisation nicht funktioniert hat, wenn Frauen nicht im ausreichenden Maße vertreten sind. Daher ist jede Art von Quote noch einmal ein Versuch, den Druck zu erhöhen und nach geeigneten Kandidatinnen zu suchen. Allerdings bleibt die Frage: Wie wird Gremienarbeit bewertet, und wie wird Selbstverwaltung bewertet? Es ist traurige Realität: Wenn Sie sich irgendwo bewerben, werden die Journal-Publikationen gezählt. Da wird nicht berücksichtigt, dass man einen Senatsvorsitz geführt hat, und das zählt dann so viel wie beispielsweise 6 Journal-Publikationen. Das wird nicht berücksichtigt!

Insofern stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. Bestimmte Personengruppen sollten einmal überlegen, ob es nicht etwas anachronistisch ist, einen Senatsvorsitz als etwas zu sehen, das man zusätzlich zu den regulären Verpflichtungen macht. Da sollte über Freistellungen und Vertretungen nachgedacht werden. Das wird derzeit noch nicht vernünftig diskutiert.

In Ihrer Dissertation haben Sie auch über Datenschutz geschrieben. Wenn Sie noch Studentin wären, würden Sie dann Ihre Stimme für die bevorstehenden ÖH-Wahlen elektronisch abgeben?

Ich habe kein Problem mit E-Voting. Ich würde meine Stimme auch elektronisch abgeben. Das ist eine Möglichkeit, geografisch verstreute Gruppen oder Personen, die nicht zu bestimmten Zeiten physisch irgendwo anwesend sein können, zur Mitbestimmung anzuhalten. Von den technischen Sicherheitsfragen her bin ich aufgrund meiner Berufung und meiner sehr weit zurückliegenden Dissertation nicht wirklich am laufenden.

Warum wird E-Voting dann von vielen Personen, unter anderem von Gerda Marx, der ehemaligen Wahlkommissionsvorsitzenden der Uni Wien, oder dem Verfassungsrechtler Heinz Mayer massiv kritisiert?

E-Voting ist natürlich ein Gegensatz zum persönlichen Wahlrecht, wo Sie physisch anwesend sind, und mit Ihrem Identitätsnachweis bestätigen, dass Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Das ist eine besonders verlässliche Sicherheitsvorkehrung, weil Sie dann tatsächlich ganz persönlich Ihre Stimme abgeben und niemand anderer das an Ihrer Stelle tun kann. Vom Setting her ist E-Voting natürlich anfälliger für Manipulationen.

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