Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Unser Bildungsbegriff

Bildung ist der Motor für Fortbestand und Weiterentwicklung der Gesellschaft. Sie soll selbständig denkende und kritikfähige Menschen schaffen und liefert die nötigen Werkzeuge zum Erkennen, zur Analyse und zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme, Gefahren und potentieller Risiken. Bildung ermöglicht eine Gesellschaft selbstbestimmter Menschen und fördert so das demokratische Zusammenleben.

Deshalb muss Bildung in Ziel, Inhalt und Form den Grundwerten der Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verpflichtet sein. Sie hat sich in erster Linie an den Menschen und ihren Bedürfnissen zu orientieren.

Bildung muss allen Menschen in gleichem Maße zugänglich sein und ein Instrument für die Umverteilung von Wissen, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Güter und der Möglichkeit der Teilnahme an der Gesellschaft darstellen. Ihre Qualität kann nicht von einer dünnen Elite, sondern nur von der Breite des Zuganges geprägt werden. In einer von Information geprägten Gesellschaft ist Wissen mehr als je zuvor Macht. Diese Macht muss allen Teilen der Gesellschaft zugute kommen. Bildung ist Spiegelbild der Gesellschaft und zugleich ihr Veränderungspotential. Die öffentliche Hand trägt deshalb die Verantwortung für Zugang, Ausbau und Ausgestaltung der Bildungsinstitutionen.

Wissensvermittlung versus Gesellschaftsrelevanz

Moderne Bildungspolitik hat den beiden Hauptaufgaben, der Wissensvermittlung und den Möglichkeiten ihrer Umsetzung in der Praxis Rechnung zu tragen. Sie muss Theorie und Praxis vereinbaren und darf nicht den folgenschweren Fehler begehen, sie zu teilen. Schulen, Universitäten und Fachhochschulen dürfen Wissen nie von seiner Anwendbarkeit trennen. Genausowenig dürfen sie zur Schmalspurausbildung mit dem einzigen Ziel, unhinterfragt bestehende Berufsbilder bedienen zu können oder der Wirtschaft billige Arbeitskräfte zu verschaffen, degradiert werden. Unser Bildungsbegriff ist ein umfassender – die Bildungsinstitutionen müssen diesem gerecht werden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bedarf es einer weiteren Verbindung von Forschung und Lehre, aber auch dem ständigen Hinterfragen und der Neukonzeption der Lehrpläne. Das Bildungssystem muss Wege finden, auf neue Forschungsergebnisse sowie gesellschaftliche und internationale Entwicklungen reagieren zu können.

Wissensvermittlung darf nicht auf eine Lebensphase, eine Bevölkerungsgruppe oder ein eng umschriebenes Berufsbild beschränkt sein, genausowenig wie auf momentane wirtschaftliche Verwertbarkeit. Das verlangt das Verbinden von Forschung und Lehre, Praxisnähe, Interdisziplinarität, die Öffnung für alle Altersgruppen. Bildung muss die theoretische Basis und Mündigkeit bieten, um Sinnzusammenhänge zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. Sie muss aber auch dazu ermächtigen, diese Fähigkeiten umzusetzen und gesellschaftlichem Nutzen zu unterziehen.

Österreichs Weg in der Bildungspolitik

Die österreichische Bildungs- und Wissenschaftspolitik erlebte in den 1970er Jahren einen großen Aufbruch. Allerdings sind in den letzten Jahren wieder einige massive Rückschritte feststellbar, wie zum Beispiel die Einführung der Studiengebühren und das undemokratische Universitätsgesetz 2002. Das österreichische Bildungssystem ist in einigen wesentlichen Teilbereichen von Fortschrittlichkeit, offenem und sozial gerechten Zugang und dem richtigen Umgang mit den Anforderungen seiner Zeit weit entfernt. Trotz des Anfangs der Siebziger eingeführten gebührenfreien und 2000 abgeschafften Hochschulzuganges blieb der Anteil an Kindern aus sozial schwächeren Familien in der tertiären Ausbildung niedrig, der Anteil der Frauen unter den StudentInnen stieg auf über 50 Prozent, dennoch haben Frauen nach wie vor weitaus geringere Chancen als ihre männlichen Kollegen. Die Studiengebühren verstärken die soziale Selektion. Die AkademikerInnenrate in Österreich ist unter dem europäischen Durchschnitt, die Studien dauern besonders lang, die Drop-Out-Rate ist hoch und die AkademikerInnenarbeitslosigkeit steigend.

Um den angesprochenen Strukturschwächen entgegenzuwirken, muss der Staat wirksam in Bildung, Wissenschaft und Forschung investieren. Der Anteil der Ausgaben in diesem Bereich am BIP muss deutlich erhöht werden. Dieser Finanzierungsschub muss das staatliche, allen zugängliche Bildungssystem ausbauen und ergänzen helfen. Darüber hinaus sind umfassende Strukturreformen, die zu einer effizienteren Verwaltung und besseren Durchlässigkeit des Bildungssystems führen, vonnöten.

In den letzten Jahren wurden unter dem Deckmantel der europäischen Harmonisierung wesentliche Schritte gesetzt, die den Hochschulzugang in Gefahr bringen. Durch die Forcierung der Fachhochschulen ohne parallel einen Hochschulentwicklungsplan auszuarbeiten, der Ziele und Entwicklungspotentiale der Universitäten sowie Berufsbilder für deren AbsolventInnen festlegen soll, wurden die Universitäten ohne jegliche Zielvorgabe ihrem Reformstau überantwortet. Die überhastete Einführung des Bakkalaureats (Umstellung auf das dreigliedriges Studium) schuf die Möglichkeit einer neuen Eliteausbildung, da nur mehr wenige bis zum Doktoratsstudium kommen werden. Daher gilt als Ziel, eine möglichst breite Masse in kurzer Zeit akademisch marktgerecht „auszu-„bilden (Bakkalaureat) und den sozialen bzw. Leistungs-Eliten ein weiterführendes Studium zu ermöglichen. Die Debatte geht deshalb in manchen Ländern (teilweise auch in Österreich) in die Richtung, das Bakkalaureatsstudium mit geringen Gebühren zu gestalten und die weiterführenden Studien mit hohen Studiengebühren und Knock-Out-Prüfungen/bzw. hoher Notenselektion zwischen den Abschnitten auszugestalten.
Überdies birgt dies wie jede Zäsur im Bildungssystem eine weitere Hürde für wissenschaftliche Karrieren von Frauen. Die Einführung der Studiengebühren hatte insbesondere für Frauen negative Auswirkungen und mit dem Universitätsgesetz 2002 wurden die patriarchalen Strukturen an der Universität verstärkt. Es bedarf beständiger gemeinsamer Anstrengungen und Aufklärungsarbeit aller fortschrittlichen Kräfte, diesen eingeschlagenen Weg zu verlassen.

Um der Strategielosigkeit entgegenzuwirken, bedarf es dringend eines Gesamtkonzeptes von Wissenschaft und Bildung, indem Grundgesetze und wichtigste Ziele für die einzelnen Institutionen (Schulen, Universitäten, Akademien und Fachhoschulen) festgeschrieben werden. In diesem Konzept sollen die wichtigsten Fakten zur weiteren Entwicklung dieser Bildungsinstitutionen wie Zielsetzungen für eine Erhöhung von AkademikerInnenquoten, Förderung des Hochschulzugangs für Menschen aus sozial schwächeren Schichten, Maßnahmen gegen die hohen Drop-Out-Raten, Rollenklarheit für die Fachhochschulen, Frauenförderungsmaßnahmen genauso wie Rahmen für neue Lehrpläne und deren Erstellung im Zusammenspiel mit gesellschaftliche, wirtschafltichen und wissenschaftlichen Anforderungen enthalten sein.


 

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