Seite drucken
Seite als PDF herunterladen
Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei?
Wie frei ist die Lehre aber wirklich? Inwieweit hat sich der universitäre Lehrkörper von den braunen Flecken befreien können? In den 1960er Jahren brach die Diskussion zur Entnazifi zierung der universitären Lehre vermehrt auf, insbesondere in Reaktion rund um den Fall Borodajkewycz[1]. Klar ist, der „Boro“ war jedenfalls kein Einzelfall.
Heute, 40 Jahre nach 1968 und 70 Jahre nach 1938, sind in den Universitäten immer noch rechte Spuren, „braune Flecken“, zu finden - auch unter den ProfessorInnen.
Natürlich vermittelt heute niemand mehr so eindeutige Propaganda wie Borodajkewycz, doch aber scheint geschickt versteckter, latenter Faschismus toleriert, Rassismus sogar mit unter bejubelt.
So schildert ein Student der Rechtswissenschaften in Wien: „Kurz vor Beginn der Vorlesung, alle sitzen schon, der Professor kommt rein, sieht eine Studentin mit dunkler Hautfarbe, die in der vorderen Reihe sitzt, und fragt sie ‚Na Kollegin, heute zu viel Kakao getrunken?‘ [...] und der ganze Hörsaal lacht mal für zehn Minuten.“
Zu Entrüstung und Auflehnung führt ein solches Verhalten eines Professors leider nur selten, die Universitäten schauen unbeteiligt zu, eine klare Positionierung für die Menschlichkeit, gegen Fremdenhass gibt es an den Unis, dem „Hort des Humanismus und der Aufklärung“ wohl nicht. Distanzierung von Seiten der Universitäten zu Aussagen und Betätigungen bleiben meist aus, von strengeren Maßnahmen ganz zu schweigen.
Zu immer wiederkehrenden Diskussionen führt in diesem Zusammenhang Lothar Höbelt, außerordentlicher Professor für neuere Geschichte an der Universität Wien und bis 1999 „so etwas wie ein Sprecher der Dritten Lagers“[2]. Aufgefallen ist unter anderem sein Beitrag in der Festschrift für den Holocaustleugner David Irving, erschienen im Arndt-Verlag. Höbelt merkte dem Standard gegenüber an, dass der Haftbefehl (gegen Irving Anm.) „eher für Irving und gegen jene, die das gegen den Wissenschaftler machen“ spreche. Der Arndt- Verlag selbst zählt übrigens zu den bekanntesten Verlagen im rechtsextremen Spektrum. Zum Verlagsprogramm „gehören Bücher, in denen die deutsche Kriegsschuld geleugnet und die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert werden“, so ein Verfassungsschutzbericht.[3]
Auf den Hinweis der Standard-Redaktion, dass laut einem Buchbeitrag das „KZ Buchenwald bis 1945 eine ‚Sommerfrische‘ gegen das ab 1945“ gewesen sein soll, gab sich Höbelt gelassen: „Man muß sich ja nicht mit allem identifi zieren, wenn man in einer Festschrift schreibt.“[4]
Leider bleiben solche Ansichten nicht von der Universität fern: „So kam es im September 1992 im Rahmen eines Seminars am Germanistikinstitut der Londoner Universität zum Eklat, nachdem Höbelt dort die ÖsterreicherInnen zu „ethnische[n] Deutsche[n]“ erklärt hatte. Der britische Historiker Robert Knight meinte dazu: „Hinter der Behauptung, Österreich sei Teil der deutschen Nation, steckt das ideologische Bekenntnis zum Nationalsozialismus.“[5]
Für Aufregung sorgte auch sein Vergleich während einer Vorlesung, in der er die SS mit den „Kinderfreunden der SPÖ“ gleichsetzte.[6]
Immer wieder sorgten ProfessorInnen, die der FPÖ nahe stehen, für Aufregung und Demonstrationen, vor allem von Seiten der linken ÖH Fraktionen. So zeigt sich die erste linke ÖH-Spitze im Jahr 1996 entrüstet über die Wahl Willhelm Brauneders als dritten Nationalratspräsidenten. Die ÖH hebt in ihrer damaligen Presseaussendung hervor, dass Brauneder, ehemaliger Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät Wien, heute Vorstand des Instituts für Rechts- und Verfassungsgeschichte, „vom deutschen Verfassungsschutz [...] 1983 für eine Publikationstätigkeit für ‚Die Aula‘ oder ‚Mut‘ [...] als ‚rechtsextrem‘ eingestuft“ wurde“.[7] Schon früher erntete der Professor Kritik von Seiten des VSStÖ, unter anderem dafür, eine Veranstaltung, die Raum für unverblümten Antisemitismus bot, nicht zu untersagen. In diesem Rahmen soll von einem der Teilnehmer mitunter folgendes zu hören gewesen sein: „Der römische Bürger durfte seine Sklaven töten ohne die geringste Sanktion und er hat keinerlei Rechtsverletzung dabei gemacht ... und das hat der Totenkopf, äh, der SS-Mann in den KZs eben auch nur getan, wenn er einen Juden vergast hat.“[8]
Die Kritik zeigte Wirkung und Wilhelm Brauneder distanzierte sich von den Organisatoren ebendieser Veranstaltung.[9] Eine solche Distanzierung bleibt bei anderen oft aus und konnte in diesem Fall vor allem durch den Einsatz von linken Studierenden, die diese Zusammenkunft der Rechten detailliert dokumentiert haben, erreicht werden. Eine derartige Reaktion bei anderen, ebenso zwielichtigen Veranstaltungen, bleibt aber meist aus. Umso entscheidender ist es, immer wieder, niemals vergessend, zu mahnen und aufzuzeigen, sich aufzulehnen und aufzufordern, sich gegen die Rechten durch zusetzen - eine Aufforderung, die auch den ProfessorInnen, DekanInnen und RektorInnen gelten muss.
- Einleitung
- Burschenschaften
- Universität und die Freiheit der Lehre
- Frauenpolitiken
- Medien - Sprache
- Faschismustheorien
- Universitäten und Faschismus
- Der Fall Borodajkewycz
- Der Ring Freiheitlicher Jugend
- Die Sozialwissenschaften im Nationalsozialismus
- Die Naturwissenschaften im Nationalsozialismus
[1] Taras Borodajkewycz war in den 1960er Jahren Professor an der Hochschule für Welthandel. Seine wiederkehrenden antisemitischen Aussagen führten nach langen Kämpfen schließlich zu seiner (Zwangs-)Pensionierung. Details zum „Fall Boro”.
[2] Lothar Höbelt im Interview der Zeitschrift Datum 04/06; letzter Zugriff: 30. Mai 2008.
[3] http://www.doew.at/projekte/rechts/chronik/1999_01/irving99.html, letzter Zugriff: 30.Mai 2008
[4] Ebd.
[5] „Siegfrieds Köpfe“ Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Contect XXI, 2002. Seite 96
[6] Ebd.
[7] ÖH Zentralausschuss in einer Presseaussendung am 15. Jänner 1996
[8] Ebd.
[9] Wilhelm Brauneder in einer Mitteilung des Dekans am 2. Dezember 1987: „Am 26. November 1987 hat der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) im Hörsaal U18 des Juridicums eine Veranstaltung abgehalten [...] Am Vortag äußerten Mitglieder des [...] VSStÖ in der Rektoratskanzlei den Wunsch, der Rektor möge diese Veranstaltung absagen [...]. Der Rektor ist im Einvernehmen mit mir diesem Ansinnen nicht nachgekommen [...] Als ich [...] zum Hörsaal U18 kam, hatte die Veranstaltung jedoch radikale und zum Teil universitätsfremde Elemente angezogen, die den Zutritt blockierten und teils auch hinderten. Ich forderte daher den für die Veranstaltung Verantwortlichen auf, diese zu beenden. Zu diesem Zeitpunkt bestand für mich kein Zweifel darüber, dass alleine schon das äußere Erscheinungsbild der Veranstaltung mit paramilitärischen Gruppen einer freiheitlich verfaßten Hochschule eines demokratischen Staates unwürdig ist [...] Es sind in Vortrag [...] Äußerungen gefallen, die mit dem Bekenntnis zum freien und demokratischen Österreich unvereinbar sind. [...] Das Ansehen unserer Fakultät und Universität gebietet es, äußerlich provokative und inhaltlich anstößige Veranstaltungen zu vermeiden, da sie geeignet sind, ein falsches Bild unserer Hochschulen im In- wie auch im Ausland zu erwecken.“

