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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Der Fall Borodajkewycz
„Es war nämlich so, die Borodajkewycz- Geschichte ist nämlich ins Rollen gekommen, eigentlich dadurch, dass der Heinz Fischer einen Artikel gegen viele Professoren geschrieben hat, gegen den Pfeifer und auch gegen den Borodajkewycz. Und der Borodajkewycz war der einzige Dumme der geklagt hat. Die anderen haben den Kopf eingezogen und haben sich geduckt.“[1]
(Ferdinand Lacina)
Unter den vielen Gesichtern, hinter denen sich Faschismus versteckt, ging wohl eines maßgeblich in die Geschichte der Universitäten ein: Taras Borodajkewycz, in den 1960ern Professor an der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität Wien). Selbst CV-Mitglied, wurde er für sein Engagement mit dem päpstliche Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ ausgezeichnet. Doch bald schon stellte der CV nicht sein einziges Betätigungsfeld dar: Im Jahr 1934 wurde er Mitglied der illegalen NSDAP, später Mitarbeiter der SA und SS.[2] In dieser Zeit erhielt er eine Stelle als Dozent an der Universität Wien, später als Professor in Prag.
Schon im Jahr 1946 wurde Taras Borodajkewycz als „Minderbelasteter“ eingestuft und damit einhergehend „entnazifi ziert“ - doch nicht nur das: Seine immer noch guten Beziehungen zur ÖVP verschafften ihm eine Professur an der Wiener Hochschule für Welthandel.[3] Von Beginn an machte sich Borodajkewycz einen Namen, fiel durch seine neonazistischen Aussagen in Lehrveranstaltungen[4] und seine Artikel in einschlägigen Zeitschriften auf. Es sollte aber noch viele Jahre dauern, bis Borodajkewycz zwangspensioniert wurde. „Zu den unerfreulichsten Überresten des an Gesinnungs- und Würdelosigkeit reichen Jahres 1945 gehört das Gefl unker von der ‚österreichischen‘ Nation. Es entstammt derselben moralischen und geistigen Haltung, die die Besatzungsmächte als Befreier feierte und die dauernde Erinnerung an ihr für unser Land so segensreiches Erscheinen in der Umbenennung von Straßen und Plätzen festhalten wollte, der Haltung, die den bisherigen Ehrenkodex der Menschheit umstülpte und Feigheit, Fahnenfl ucht und Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes pries. Diese Sumpfblüten einer Zeit, der der Boden unter den Füssen entzogen war, gehören glücklicherweise der Vergangenheit an.“ (Borodajkewycz in „Die Aktion“ 1956)[5]
Den Stein ins Rollen brachte dann ein Artikel des heutigen Bundespräsidenten und damaligem VSStÖ-Mitglieds Heinz Fischer, erschienen in der sozialistischen Studierendenzeitschrift „Die Zukunft“. „Borodajkwycz war ein eifriger Verfechter des Ständestaates [...]; nach 1938 rühmte sich Borodajkewycz hingegen schon lange Mitglied des illegalen Blocks gewesen zu sein [...] Heute mutet man den Studenten zu, sich an der Hochschule für Welthandel von Herrn Dr. Borodajkewycz ausgerechnet in Geschichte unterrichten zu lassen“.[6]
Borodajkewycz klagte Heinz Fischer und den Chefredakteur der Zeitschrift wegen Ehrenbeleidigung: „Während seine Kollegen es vorzogen, auf diesen [...] Artikel nicht zu reagieren, lief „Boro“ zu Gericht, fühlte sich in seiner Ehre gekränkt“, schildert Ferdinand Lacina den „Fall B.“.[7] In den Augen des DÖW, dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, sei das zeittypische am Prozess einerseits die Selbstverständlichkeit, mit der Borodaj-kewycz es für überfl üssig hielt, die Vorwürfe zu widerlegen (allein die Tatsache, dass solche Vorwürfe erhoben wurden, erfordere - so Borodajkewyczs Anwalt Tassilo Broesigke - eine „strenge Bestrafung der Beschuldigten“), andererseits das von dem ultrarechten Professor und seinen Gesinnungsgenossen geprägte Klima der Einschüchterung, das vom Gericht nicht einmal wahrgenommen wurde.[8]
Die Verteidigung stützte sich zwar auf Mitschriften Ferdinand Lacinas; dieser, sowie viele andere Studierende, konnte aber aus Angst vor disziplinären Konsequenzen die Richtigkeit vor Gericht nicht bezeugen. So kam es zu einer Verurteilung Heinz Fischers und des Chefredakteurs. Ferdinand Lacina erinnert sich: „Der Prozess gegen Heinz Fischer löste zunächst geringes Echo aus, erst als sich das damals noch junge Medium Fernsehen, in der von Gerhard Bronner und Peter Wehle gestalteten Sendung ‚Zeitventil‘ der Sache annahm und der Schauspieler Sobotka einige Zitate aus Vorlesungen des Historikers wiedergab, der sorgfältig die jüdische Abstammung von ihm zitierte Persönlichkeiten angab, sich hie und da auch zu einem ‚Kaffehaus-Juden‘ hinreißen ließ, wurde die Sache publik.“[9]
Die Aufmerksamkeit war geweckt, die Diskussion im Rollen und Borodajkewycz verspürte offensichtlich den Zwang, die Sache richtig zu stellen. „Eine unrühmliche Rolle spielte dabei leider die HochschülerInnenschaft der Hochschule für Welthandel, die ihn unterstützte und ihm im März 1965 in einer Veranstaltung die Bühne gab, vor hunderten begeisterten Studierenden auftreten zu können.“[10] Diese Pressekonferenz stellte den Versuch dar, seine antisemitischen Aussagen zu erklären und zu „belegen“. Dadurch aufgeheizt, organisierten linke ÖH-Fraktionen und andere Organisationen eine knappe Woche später, am 31. März 1965, eine antifaschistische Demonstration gegen Borodajkewycz, die von 100en „Boro“-Anhängern, allen voran zahlreichen Burschenschaftern, gestört wurde und ein tragisches Opfer forderte: Noch am selben Abend wurde der damals 67jährige Kommunist, ehemaliger Widerstandskämpfer und KZ-Opfer, Ernst Kirchweger vom damals 24jährigen rechtsradikalen Burschenschafter Günther K. niedergeschlagen - und starb wenige Tage darauf an den Folgen. Günther K. bekam eine zehnmonatige Haftstrafe wegen Notwehrüberschreitung.
Der gewaltsame Tod Kirchwegers führte zu einer breiten Positionierung gegen Borodajkewycz; am Begräbnis Kirchwegers nahmen an die 25 000 Menschen teil. Die politischen AkteurInnen waren nun zur Handlung gezwungen. „In der SPÖ [...] war der Fall umstritten, da in den Jahren 1963 und 1965 Bundespräsidentschaftswahlen anstanden und die SPÖ-Kandidaten Adolf Schärf und Franz Jonas um die Stimmen der ehemaligen NationalsozialistInnen warben. Nach dem gewaltsamen Tod von Ernst Kirchweger dürfte sich jedoch Parteivorsitzender Bruno Pittermann klar gegen Borodajkewycz positioniert haben,“ vermutet Ferdinand Lacina.[11]
Schlussendlich wurde Borodajkewycz 1966 pensioniert und das Verfahren gegen Heinz Fischer und den Chefredakteur wieder aufgenommen. Beide wurden freigesprochen. Die Pensionierung vieler anderer blieb aber aus, die Entrüstung im „Fall Boro“, so große Wellen dieser auch schlug, schwappte nur wenig auf andere strittige Professuren über. „Manche der Akteure von damals sind heute noch tätig, natürlich Dr. Heinz Fischer [...], aber auch die ‚andere Seite‘ stellt noch Aktive, ein Wirtschaftskammerpräsident war damals glückloser Veranstalter der berüchtigten Pressekonferenz, wenig verwundert die Teilnahme einiger FPÖ-Funktionäre, früherer und jetziger, an den Demonstrationen für ‚Boro‘.“[12]
- Einleitung
- Burschenschaften
- Universität und die Freiheit der Lehre
- Frauenpolitiken
- Medien - Sprache
- Faschismustheorien
- Universitäten und Faschismus
- Der Fall Borodajkewycz
- Der Ring Freiheitlicher Jugend
- Die Sozialwissenschaften im Nationalsozialismus
- Die Naturwissenschaften im Nationalsozialismus
[1] Ferdinand Lacina in: Sigrid Nitsch, Die Entwicklung des allgemeinpolitischen Vertretungsanspruches innerhalb des Verbandes Sozialistischer StudentInnen Österreichs (VSStÖ) in Wien im Zeitraum von 1965 bis 1973, 2004. Seite 42
[2] „Siegfrieds Köpfe“ Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Contect XXI, 2002. Seite 136
[3] Ebd.
[4] „60 Jahre ÖH“. Publikation zum 60. „Geburtstag“ der Österreichischen HochschülerInnenschaft, 2006
[5] „Siegfrieds Köpfe“ Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Contect XXI, 2002.
[6] Ebd.
[7] Ebd., Seite 135
[8] www.döw.at; Letzter Zugriff: 30.Mai 2008
[9] Ferdinand Lacina: „Siegfrieds Köpfe“ Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Contect XXI, 2002.
[10] „60 Jahre ÖH“. Publikation zum 60. „Geburtstag“ der Österreichischen HochschülerInnenschaft, 2006. Seite 27
[11] Sigrid Nitsch: Die Entwicklung des allgemeinpolitischen Vertretungsanspruches innerhalb des Verbandes Sozialistischer StudentInnen Österreichs (VSStÖ) in Wien im Zeitraum von 1965 bis 1973. Diplomarbeit an der Universität Wien.
[12] Ferdinand Lacina: „Siegfrieds Köpfe“ Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität. Contect XXI, 2002. Seite 138

