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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Burschenschaften
Scharniere zwischen Rechtsextremismus und Neonazismus
Deutschnationale, völkische oder schlagende Studentenverbindungen, unter denen die Burschenschaften in politischer Hinsicht die aktivsten sind, gibt es in Österreich seit den 1860er Jahren. Während in Deutschland ein Teil der korporierten Bewegung anfänglich mit demokratischen Ideen liebäugelte, stand sie in Österreich von Anfang an mehrheitlich auf der Seite der Reaktion oder Rechten. Auch war man – mehr und radikaler noch als in Deutschland – sehr früh streng antisemitisch: Bereits um 1890 war der Großteil der „deutschen“ Burschenschaften in Österreich „judenrein“. Die „deutschen“ Verbindungen in Österreich wurden gegen die Emanzipation von Frauen und Jüdinnen/Juden gegründet. Deutschnationalen Verbindungen kommt seit dem späten 19. Jahrhundert die soziale Funktion einer männlichen Elitenreproduktionsstätte zu. In Uniformierung und stolzer Zurschaustellung der „Schmisse“ heben sich nationalfreiheitlich Korporierte aus der Masse der Studierenden hervor.
In ihrem Abwehrkampf gegen die demokratische Moderne radikalisierten sich die Burschenschafter mehr und mehr. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie in personeller wie ideologischer Hinsicht zu Wegbereitern des Nationalsozialismus, dessen Herrschaft sie 1933 freudig begrüßten. Nach dem Verbot der NSDAP in Österreich dienten viele Burschenschaften als Tarnorganisationen und boten den „Illegalen“ Unterschlupf.
Diese Schutzfunktion für Nazis kommt ihnen bis heute zu: Die Mitgliederverzeichnisse mehrerer im Wiener Korporationsring (WKR)[1] zusammengeschlossener Verbindungen lasen sich Anfang der 1990er Jahre wie die Kaderlisten der neonazistischen Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO) Gottfried Küssels. Wie fast alle rechtsextremen und neonazistischen Kader von Relevanz ist übrigens auch dieser korporiert.
Heinrich Heine glaubte als Korporierter zunächst an die Vereinbarkeit von deutschem Nationalismus und Demokratie, gehörte aber dann zu den Wenigen, die die Fusion von nationaler Revolution und antisemitischem Pogrom früh erkannten. Bereits im Februar 1821 aus der Burschenschaft ausgeschlossen, wandte er sich in der Folge vom deutschtümelnden Milieu ab. Die „altdeutschen Narren“ wurden nun vielfach zur Zielscheibe seines Spottes.
Angesichts der ersten deutschen Bücherverbrennung (Wartburgfest) schrieb Heine prophetisch: „Dies war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (1822)
1823 schrieb er an seinen Schwager, dass er überall ein Revolutionär wäre, nur nicht in Deutschland, wo bei deren Sieg „einige tausend jüdische Hälse“ abgeschnitten werden würden.
„Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutoromantismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anders war als der Haß des Fremden, und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts besseres zu erfi nden wusste als Bücher zu verbrennen.“ „Auch Deine Fahne gefällt mir nicht mehr, / Die altdeutschen Narren verdarben / Mir schon in der Burschenschaft die Lust / An den schwarzgoldnen Farben.“
Dem zum Trotz wird der zum Protestantismus konvertierte Heine bis heute von Burschenschaftern als Alibijude zur Abwehr der Kritik am korporierten Antisemitismus missbraucht. Gleiches gilt für Theodor Herzl, der dauernd als Burschenschafter vorgestellt wird. Was die Apologeten bei ihm verschweigen, ist die Tatsache, dass er 1883 nach antisemitischen Exzessen im Rahmen eines „Richard-Wagner-Kommerses“ der aB! Albia diese verließ. Bei den übrigen dauernd angeführten korporierten Alibijuden handelt es sich meist um Konvertiten (z. B. Viktor Adler) und/oder Antisemiten (z. B. Ferdinand Lassalle).
Ihren Verstrickungen in den Nationalsozialismus und seine Verbrechen zum Trotz führen Burschenschafter heute gerne an, ihre Verbindungen seien 1938 unter Zwang aufgelöst worden. So behauptete Martin Graf im Vorfeld des umstrittenen „Totengedenkens“ am 8. Mai 2002, „die Korporationen [seien] in Österreich von 1938 bis 1945 verboten gewesen“. Auch sei zu „keinem Zeitpunkt in der Zweiten Republik von der Seite der freiheitlichen Korporationen Gewalt im Spiel gewesen“. Überhaupt handle es sich um durchwegs „unbescholtene Bürger“[2].
Diese Behauptungen lassen sich leicht widerlegen: Zunächst stimmt es, dass 1938 „Korporationen“ verboten wurden. Dabei handelte es sich jedoch nicht um Burschenschaften, sondern um katholische und liberale Verbindungen. Hingegen lösten sich auch die österreichischen Burschenschaften mehrheitlich feierlich selbst auf und gliederten sich zum Großteil als Kameradschaften in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ein. Grafs Olympia etwa wurde nach der „Heimkehr ins Reich“ als Kameradschaft Johann Gottlieb Fichte in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund überführt. Zu diesem vermeintlichen „Verbot“ heißt es in der „Festschrift“ der Olympia mit dankenswerter Offenheit: „Bei der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anlässlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen.“[3]
Verboten wurden die „deutschen“ Verbindungen in Österreich tatsächlich öfters – nur nicht 1938: 1896, nachdem sie mit den „Waidhofener Beschlüssen“ den verhassten Juden auch die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen hatten, 1933/34, als sie als Auffangbecken der verbotenen NSDAP dienten und 1945, weil sie von den Alliierten als Brutstätte nationalsozialistischer Gesinnung erkannt wurden. Die Olympia sah sich daneben zwischen 1961 und 1973 aufgrund ihrer Verstrickungen in den Neonazi- Terror erneut mit einem Verbot konfrontiert.
Nicht viel besser ist es um den Wahrheitsgehalt der Rede von den „unbescholtenen“ und friedliebenden „Bürgern“ bestellt: Waren es doch Burschenschafter, die 1961 den Südtirolterror eskalieren ließen. Aber diese Mordbrennerei wird bis heute als „Einsatz für das bedrohte Grenzlanddeutschtum“, die Terroristen als „Freiheitskämpfer“ verharmlost[4]. Auch im Burschenschafter-Organ „Die Aula“ kann man nachlesen, wie sehr die Gewalt entgegen der Grafschen Verharmlosungen zum burschenschaftlichen Selbstverständnis gehört: „Man muß nun mit den linken Knechten/mit ihren eignen Waffen fechten;/es hemmt nur ihren Tatendrang/der gute alte Holzkommang./Dann spricht sich ‘rum geschwind,/daß Burschenschafter Burschen sind!/Die Mensuren sind deswegen/in die Uni zu verlegen/dort kämpfe man um den Bestand/von Ehre, Freiheit, Vaterland!/Wer kräftig Hieb um Hieb austeilt,/schon durch das Beispiel Füchse keilt.“[5]
Burschenschafter sehen sich nicht zu Unrecht als Besiegte und den 8. Mai 1945 als „Tag der totalen Niederlage“[6]. Als mehr oder weniger belastete NS-Kader hatten zahlreiche Korporierte mit den (anfänglichen) Widrigkeiten der Entnazifi zierung zu kämpfen. Bis heute binden Weltanschauung, Männertreue und Lebensbundprinzip die Generationen aneinander und verhindern eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zahlreicher „Alter Herren“. So hält die Grazer aB! Arminia das Andenken an Bundesbruder Ernst Kaltenbrunner – als einer der Haupttäter des NS-Vernichtungswerkes in Nürnberg hingerichtet – hoch. Der Euthanasiearzt und erste Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Irmfried Eberl, wird als „Alter Herr“ der Innsbrucker aB! Germania geführt. Ein anderer Kriegsverbrecher, der zu lebenslanger Haft verurteilte Rudolf Heß, wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Man ehrt nicht nur NS-Verbrecher, auch die Leugnung oder Verharmlosung der NS-Verbrechen und der deutschen Kriegsschuld („Revisionismus“) ist in burschenschaftlichen Kreisen verbreitet. Die Innsbrucker aB! Brixia wollte beispielsweise am 9. November (!) 1989 den britischen Holocaust- Leugner David Irving auftreten lassen. Dieser wurde jedoch nach seinen unmittelbar davor gehaltenen Vorträgen vor Burschenschaftern und Neonazis in Leoben und Wien – hier schaute auch der junge „Heinrich“ Strache vorbei – zur Fahndung ausgeschrieben. Daher mussten die Brixen mit Irving ins benachbarte Bayern ausweichen. Anfang November 2005 konnte der Haftbefehl dann exekutiert werden: Irving wurde am Vorabend des „Stiftungsfestes“ der Olympia, welches er als „Festredner“ beehren sollte, verhaftet. Im Februar 2006 wurde er nach dem NS-Verbotsgesetz zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem der Berufungssenat unter dem FPÖ-nahen Richter Ernest Maurer Ende Dezember 2006 die Haftdauer um zwei Drittel reduziert hatte, wurde Irving entlassen und nach England abgeschoben.
Den völkischen Verbindungen kommt bis heute eine Funktion als Scharnier zwischen dem (legalen) Rechtsextremismus und dem (illegalen) Neonazismus zu. Darin liegt ihre zentrale Bedeutung – und Gefahr. Der korporierte Rechtsextremismus weist jeden diesbezüglichen Verdacht empört von sich, stellt sich gar als demokratisch dar. Ein wenig kaschiert oder intellektualisiert gelangen rassistische, antisemitische und autoritäre Positionen in den gesellschaftlichen Mainstream, nur weil sie von (angehenden) Akademikern vertreten werden.
In den zu Beginn der 1990er Jahre eingeleiteten und dem verstärkten behördlichen Druck geschuldeten Umstrukturierungsprozessen innerhalb des organisierten Rechtsextremismus und Neonazismus kam den völkischen Korporationen hoher Stellenwert zu. Ähnlich der Situation 1933, als nach dem Verbot der NSDAP zahlreiche Burschenschaften neben Turnvereinen als deren Tarnorganisationen dienten, boten sie Unterschlupf. Rigide Aufnahmekriterien und zum Teil exklusive Veranstaltungspolitik schützen vor lästigen Einblicken. Neben der ideologischen Nähe zieht diese Schutzfunktion militante Rechtsextremisten auf die Buden der Burschenschaften. So las sich etwa die Aktivenliste der WKR-Verbindungen Teutonia und Cimbria zu Beginn der 1990er Jahre wie ein Auszug aus dem Mitgliederverzeichnis der neonazistischen Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO). Die Burschenschaften sind aber nicht nur Auffangbecken, sondern auch Durchlauferhitzer: Kaum ein österreichischer Neonazi und Rechtsextremist von Relevanz, der nicht in einer (pennalen) Burschenschaft begonnen hätte. Die Bedeutung der völkischen Korporationen wuchs mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ weiter an. Im Gefolge der freiheitlichen Regierungsmitglieder rückten Burschenschafter verstärkt zu den Hebeln der politischen Macht vor. Daneben konnten sie sich in staatsnahen Betrieben und Forschungseinrichtungen (z. B. Austrian Research Center, Seibersdorf) breit machen. Auch in den neu geschaffenen Universitätsräten fanden zahlreiche „Alte Herren“ Platz.
Burschenschaften sind Männerbünde: Der an den Universitäten nicht länger aufrecht zu erhaltende Ausschluss von Frauen wird in den Verbindungen fortgesetzt. Daneben wird dort in einem System von strenger Ein- und Unterordnung sowie durch das „Erziehungsmittel“ Mensur ein bestimmter viriler Habitus sozialisiert. Neben bestimmten kulturellen Werten und einem einschlägigen „arischen“ Ideal vermitteln völkische Korporationen (wie andere Studentenverbindungen auch) Kontakte: Man hilft sich gegenseitig, bildet ganz offen Seilschaften aus.
Die Aktivitäten österreichischer „deutscher“ Burschenschafter werden in einem zentralen Punkt eingeschränkt: Der Staatsvertrag verbietet jede Propaganda und Handlung, welche die Selbstständigkeit der Republik untergräbt und den Anschluss an Deutschland zum Ziel hat. Damit ist der Kern burschenschaftlichen Selbstverständnisses getroffen – der Deutschnationalismus. Seine Propagandisten sind daher angehalten, ihre Ablehnung der österreichischen Nation mit einem Bekenntnis zur staatlichen Unabhängigkeit zu verbinden. Die Behauptung, bei den ÖsterreicherInnen handle es sich einerseits um BürgerInnen eines souveränen Staates, andererseits um Angehörige der „deutschen Volksund Kulturgemeinschaft“, ist aber nur dann richtig zu bestimmen, wenn der unterschiedliche Stellenwert von Staat und „Volk“ im burschenschaftlichen Milieu mitgedacht wird.
Die Burschenschaften lehnten schon lange vor dem Nationalsozialismus die Gleichsetzung von Staats- und Volksgrenzen, von StaatsbürgerInnen und Angehörigen eines „Volkes“ – den späteren „Volksgenossen“ – ab. Im „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“, in welchem die „deutsche Nation unabhängig von staatlichen Grenzen [existiert]“[7], lebt diese Anschauung bis heute fort. Unter den gegenwärtigen politisch-rechtlichen Bedingungen ist dieser völkische Nationalismus aber nicht mehr unmittelbar in Forderungen nach einer neuerlichen „Wiedervereinigung“ des „deutschen Volkes“ übersetzbar. Das Ziel burschenschaftlichen Engagements in Österreich wird daher heute kryptisch damit umschrieben, „den Gedanken an die deutsche Einheit wachzuhalten“[8]. Gleichzeitig wird versucht, mit Hinweisen auf das Selbstbestimmungsrecht und die angebliche Willkürlichkeit der gegenwärtigen Grenzen, die großdeutsche Idee am Leben zu halten.
Der Olympe und FPÖ-Nationalrat Martin Graf dazu: „Die heutigen Staatsgrenzen wurden willkürlich gezogen; das deutsche Volkstum muß sich frei in Europa entfalten können.“[9] Wie sich die Olympia eine freie Entfaltung des Deutschtums vorstellt, geht auch aus Flugblättern hervor, die noch in den 1980er Jahren zum „Tag der deutschen Einheit“ verteilt wurden: Diese zeigen ein Deutschland in den „Reichsgrenzen“ vom 1. September 1939. Eine derartige Landkarte hängt bis heute auch auf den Buden zahlreicher deutschnationalen Korporationen, etwa bei der Wiener aB! Aldania, die zahlreiche Wiener FPÖ- Politiker (unter anderem Eduard Schock und Johann Herzog) zu ihren Mitgliedern zählt.[10]
- Einleitung
- Burschenschaften
- Universität und die Freiheit der Lehre
- Frauenpolitiken
- Medien - Sprache
- Faschismustheorien
- Universitäten und Faschismus
- Der Fall Borodajkewycz
- Der Ring Freiheitlicher Jugend
- Die Sozialwissenschaften im Nationalsozialismus
- Die Naturwissenschaften im Nationalsozialismus
[1] Dachverband der „deutschen“ Studentenverbindungen in Wien, welcher von rechtsextremen Kräften (v. a. den Wiener Mitgliedern in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft) Albia, Bruna Sudetia, Gothia, Libertas, Oberösterreicher Germanen, Olympia, Teutonia, und Silesia) dominiert wird.
[2] http://olympia.burschenschaft.at/pressetext20020502.html, letzter Zugriff: 1.6.08
[3] Wiener akademischeBurschenschaft Olympia(Hg.): Wahr und treu, kühn und frei! 130 JahreBurschenschaft Olympia. Wien 1989, S. 30
[4] Ebd., S. 4
[5] Die Aula 9/76, S. 25
[6] Wiener akademische Burschenschaft Olympia a. a. O., S. 79
[7] Interview mit der Wiener Burschenschaft Olympia, in: Junge Freiheit, 4/90, S. 8
[8] Wiener Coleur-Szene, Oktober 1991, S. 5
[9] Der Spiegel 24/97
[10] Vgl. http://www.8ung.at/aldania/foto/54-2.jpg, letzter Zugriff: 1.6.08

