Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Vom Wort zur Praxis

Neoliberalismus fiel nicht vom Himmel, vielmehr hat sich bis zur Krise des Keynesianismus eine wissenschaftlich gestützte Bewegung formiert, welche über arbeitsteilig operierende ideologische Apparate verfügt, deren Antworten und Lösungsvorschläge im Moment der Krise der 70er zu greifen begannen.

Der Beginn der Formierung des neoliberalen Projekts fand unter denkbar
schlechten Bedingungen statt. Unter dem Aspekt des ersten Weltkriegs, der russischen Revolution, des Aufschwungs der ArbeiterInnenbewegung, aber auch in der Gegenreaktion in Form des Faschismus oder der Politik des „New Deals“ in den USA, welches oft auch mit der Unterstützung vieler traditioneller Liberaler vonstatten ging. Auch in Betracht des Hintergrunds der größten globalen Krise des Kapitalismus seit seiner Entstehung, waren die Prinzipien des laissezfaire und Manchesterliberalismus immer mehr in Bedrängnis geraten.

Auf Basis der Ablehnung der Formen des so genannten „Kollektivismus“ beschäftigten sich marktradikale WissenschafterInnen mit der Frage, wie der Liberalismus erneuert und mehrheitsfähig gemacht werden kann, besonders
unter der Bedingung, wie es der Nationalökonom Ludwig von Mises ausdrückt: „dass
alle, die sich heute zum Liberalismus bekennen (…) teils sozialistisch, teils interventionistische Maßnahmen befürworten“.

Seminartourismus

Die verschiedenen VertreterInnen der marktradikalen Strömung verfügten über keine einheitliche Antwort, wie diese Fragestellung zu beantworten ist und auch tendenziell über divergierende Ziele. Doch auf mehreren internationalen Treffen, wie dem Colloque Walter Lippmann 1938 oder später dem Gründungstreffen der Mont Pélerin Society (MPS) 1947, konnte sich dennoch ein gemeinsamer Begriff sowie eine positive Definition des gemeinsamen Rahmens, der die Ziele absteckt,
gefunden werden. Der Begriff lautete „Neoliberalismus“, der gemeinsame Zielrahmen war neben der Ablehnung des Kollektivismus abgesteckt durch die Begriffe Privateigentum, Marktwettbewerb und Freiheit, aber auch einer Redefinition der Funktion des Staates, sowie der Wiedereinführung der „Rule of Law“.
Dieser Katalog ist dem Statement of Aims der MPS entnommen. Dieses 1947 verabschiedete Dokument trifft auf den breitesten Konsens bei den diversen neoliberalen Strömungen.

Das Wort wird Diskurs…

Unter dem Eindruck der internationalen Vernetzung sowie dem 1944 von Friedrich
August von Hayek veröffentlichten Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ und Poppers 1945 erschienenes Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gründeten sich in Folge eine Reihe wissenschaftlicher Zeitschriften, Stiftungen und Institute. Es wurde mit diesen Apparaten in den verschiedensten zivilgesellschaftlichen Bereichen interveniert und vor allem Ökonomie Lehrstühle planmäßig erobert. Die MPS
und andere (globale) Elitennetzwerke dienten vor allem dem Informationsaustausch und dem Aspekt der Vernetzung. Es kann also sicher nicht von einem „Masterplan zur Machtergreifung“ gesprochen werden.

Doch trotz all dieser Bemühungen wurden die Bedingungen nicht günstiger, die kapitalistischen Nachkriegsregimes bedienten sich stark interventionistischer und wohlfahrtstaatlicher Maßnahmen.

…und schliesslich Praxis.

Gegen Ende der 60er bekam der Nachkriegskonsens aber erste Risse, die Protestbewegungen rund um das Jahr 1968, waren auch ein Aufstand gegen die staatliche Bevormundung im Fordismus, gegen die Einschränkung persönlicher Freiheit und des wohlfahrtsstaatlichen Lebensentwurfes. Zur selben Zeit wurde
durch den neu geschaffenen Wirtschaftsnobelpreis die Ökonomie in die Nähe der vermeintlich objektiven Naturwissenschaften gerückt. Die Preise gingen auch hauptsächlich an Leute der marktradikalen Strömung, war doch der Präsident des Komitees, das die Preise vergab, ebenfalls MPS Mitglied.

Der Ölpreisschock und das aufkündigen der Dollarbindung der westlichen Währungen versetzten die Ökonomie in ihre erste gravierende Nachkriegskrise.

Pinochet, Thatcher, Reagan.

Ab 1975 durften Schüler (!) des Nobelpreisträgers Friedman seine Wirtschaftspolitik
im faschistischen Chile anwenden (Chicago Boys). 1979 organisierte die neu gewählte britische Premierministerin Margret Thatcher einen Gedankenaustausch zwischen Chile und Großbritannien, spätestens mit der Wahl Ronald Reagans 1980 in den USA war die neoliberale Periode endgültig eingeläutet.

Literatur:

Plehwe,Dieter/Walpen, Bernhard (1999):
Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Produktionsweisen im Neoliberalismus.
Beiträge der Mont Pèlerin Society und marktradikaler Think Tanks zur Hegemoniegewinnung und -erhaltung

Walpen, Bernhard (2000):
Von Igeln und Hasen: Ein Blick auf den Neoliberalismus.

Candeias, Mario (2006):
Neoliberal ist asozial - und trotzdem mehrheitsfähig.

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