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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Alle reden von Gramsci...
Im Kontext der globalisierungskritischen Bewegung und der Kapitulation der traditionellen Linken vor dem neoliberalen Angriff, erfuhren Denken und Werk Antonio Gramscis eine Renessaince. Dementsprechend stellt sich am 14./15. Dezember ein Symposium die Frage: Wie „Vom Alltagsverstand zum Widerstand“ kommen??
Der italienische Politiker, Journalist und Philosoph Antonio Gramsci
(1891-1937) ist momentan einer der wichtigsten Bezugspunkte kritischer Gesellschaftswissenschaft und emanzipativer politischer
Praxis. Bekannt wurde Gramsci durch sein politisches Engagement zuerst in der sozialistischen, dann in der kommunistischen Partei
Italiens, sowie als Herausgeber der linken Wochenzeitschrift L’Ordine Nuovo.
1926 wurde Antonio Gramsci im Zuge politischer Säuberungen unter Mussolini verhaftet. Während seiner Gefangenschaft widmete er sich der Ausarbeitung
seiner politischen, philosophischen und historischen Überlegungen. So entstanden
die so genannten Gefängnishefte, die heute, 70 Jahre nach seinem Tod, nach wie vor brandaktuell sind und mit äußerster Brisanz in linker Theorie und Praxis diskutiert werden. Am bedeutendsten hierbei sind wohl Gramscis Überlegungen
zum Begriff der Hegemonie.
Ulrich Brand versteht diesen Hegemoniebegriff als Fähigkeit herrschender Gruppen und Klassen, ihre Interessen durchzusetzen, so dass sie von subalternen
(beherrschten) Gruppen und Klassen als Allgemeininteresse angesehen werden und
es weitgehend gemeinsame gesellschaftliche Vorstellungen über die Verhältnisse und ihre Entwicklung gibt. Dabei geht es darum, dass Hegemonie einen Konsens in der Gesellschaft erzeugt. Damit kann sowohl die ausdrückliche Zustimmung zu bestehenden Verhältnissen und Prozessen, aber auch ihre passive Hinnahme
gemeint sein.
Mittel zur Hervorbringung dieses Konsenses können Medien, Verbände, Bildungsinstitutionen, Kunst, Familie, etc. sein. Ein gutes Beispiel für eine mit all diesen Mitteln reproduzierte kapitalistische Hegemonie ist wohl die Verankerung des Neoliberalismus in unserem Alltag.
Phrasen wie „der Staat hat kein Geld mehr und die Menschen müssen auf sich selbst schauen“ sind in unser aller Köpfe. Die zunehmende Individualisierung unserer
Gesellschaft gepaart mit einem verwertbaren Leistungsgedanken als oberste Doktrin scheint so was wie ein „Allgemeininteresse“ geworden
zu sein.
Genau hier setzen emanzipative Bewegungen oder die globalisierungskritische Szene
an. Es muss an einer Gegen-Hegemonie gearbeitet werden. Es muss gesellschaftlicher Druck von unten entstehen, an einer Gegenöffentlichkeit gearbeitet werden. Die weiten Felder hegemonialer Verhältnisse müssen analysiert
und Schritt für Schritt verändert werden. Weiters spannend sind Gramscis Überlegungen zum Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft, den er als fließend sieht. Staatliche Institutionen und die Gesellschaft stehen also in einer Wechselbeziehung, was vor allem für die Arbeit in NGOs einen neuen Blickwinkel
aufwirft. In der Pädagogik wurden Gramscis Ideen von vielen progressiven Kreisen aufgenommen, nicht zuletzt vom Brasilianer Paulo Freire, der sein Konzept von „Bildung von Unten“ wesentlich auf diese stützt.
Bildung muss als Mittel zur Emanzipation und als Fähigkeit gesellschaftliche Strukturen und Praktiken kritisieren zu können gesehen werden. Die Liste von Kreisen, sowohl in Theorie als auch in Praxis, die von Gramsci beeinflusst worden sind, ließe sich endlos fortsetzen.
Um sich Gramscis Ansätze und deren Bedeutung heute aber ganz genau anzuschauen, findet vom 14.-15. Dezember 2007 in Wien das Gramsci-Symposium
statt, bei dessen Organisation der VSStÖ, neben vielen anderen politischen Organisationen und Initiativen, beteiligt ist. Hier soll im Rahmen von Workshops und Podiumsdiskussionen gemeinsam mit „ExpertInnen“ aus dem wissenschaftlichen,
aber auch dem politisch-praktischen Bereich, darüber diskutiert werden, was
wir für politische und wissenschaftliche Arbeit heute, unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, von und mit Gramsci lernen können.
Außerdem haben sich zur Vorbereitung auf das Symposium mehrere inhaltlich spezialisierte Lese- und Diskussionskreise gebildet, zu deren Beteiligung du herzlich eingeladen bist. Mehr Infos zum Symposium sowie zu den Lese- und Diskussionskreisen findest du unter:
www.gramsci.at oder gramsci@gmx.at
Literatur:
Brand, Ulrich (2005):
Gegen-Hegemonie, Perspektiven globalisierungskritischer Strategien.
Gramsci, Antonio (1991ff.):
Gefängnishefte, Bd. 1-10
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