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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Die zweite Natur...
Abbau des öffentlichen Dienstes, private Pensionsvorsorge, Reduktion sozialer Sicherheit - Scheinbar geschlechtsneutrale Reformmaßnahmen wirken zum Nachteil von Frauen.
Im Neoliberalismus wird dem herrschenden Ökonomiemodell eine universelle
Gültigkeit gleich Naturgesetzen unterstellt: Einseitige mathematische Modelle
sollen Objektivität vermitteln. Die gesellschaftliche Ordnung wird zur „zweiten Natur“. Dadurch werden auch sozial konstruierte Unterschiede
wie die der Geschlechter zu natürlichen Unterschieden erklärt und damit patriarchale
Machtverhältnisse naturalisiert. Fehlende Chancengleichheit wird immer mehr als individuelle Problemlage, die durch Fehlentscheidungen selbst verschuldet wird,
wahrgenommen.
Der homo oeconomicus als männliches Konstrukt
Im Konzept des homo oeconomicus basieren alle Entscheidungen auf Freiwilligkeit. Aber Arbeitslosigkeit oder der Verzicht von Frauen auf Erwerbsarbeit zugunsten von unbezahlter Reproduktionsarbeit beruhen fast immer auf gesellschaftlichen
Zwängen. Der Begriff der Ökonomie umfasst hier nur Vorgänge, die an den Markt gebunden sind. Damit werden alle unbezahlten Versorgungstätigkeiten in den Bereich des Privaten verschoben. Daraus folgt eine Trennung von Haus- und Marktbereich, die auf Geschlechterstereotypen baut. Der rationale, Nutzen maximierende homo oeconomicus ist also nur scheinbar geschlechtslos.
Patriarchale Restrukturierung der Geschlechterverhältnisse
Durch Reformen, die dem neoliberalen Umbau dienen, werden oftmals patriarchale Herrschaftsstrukturen fortgesetzt. Vermeintlich geschlechtsneutrale Reformmaßnahmen führen zur Benachteiligung von Frauen.
Das ist beispielsweise beim Abbau des öffentlichen Sektors der Fall. Eine „Verschlankung“ der Verwaltung führt zu einer Reduktion an Arbeitsplätzen. Diese gehen damit in einem Bereich verloren, in dem es anders als im privatwirtschaftlichen Sektor wesentlich geringere Lohndifferenzen zwischen den
Geschlechtern gibt und Frauenförderung gesetzliche Verpflichtung ist.
Seit den 1960ern steigt zwar die Frauenerwerbsquote langsam, in den 1990ern war diese Steigung aber hauptsächlich auf die Umverteilung von Arbeit zwischen
Frauen zurückzuführen. Teilzeitarbeitsplätze und atypische Beschäftigung
ersetzen zunehmend weibliche Vollzeitarbeit. 85% der Teilzeitbeschäftigten und 75% der geringfügig Beschäftigten sind Frauen. Die Motive für Teilzeitarbeit sind dabei höchst unterschiedlich: 68% der Frauen geben als Grund für diese Entscheidung die
Familie an, während dem nur 9% der Männer zustimmen. Die daraus resultierende ökonomische Ungleichheit der Geschlechter führt zu einer Feminisierung
von Armut. Auch eine weitere Reformmaßnahme schafft hier keine Abhilfe: Seit der Steuerreform 2000 wird die private Altersvorsorge gefördert. Das ist vorteilhaft
bei hohen Jahreseinkommen, aber BezieherInnen geringer Einkommen haben weit weniger Möglichkeiten zur individuellen Altersvorsorge. Frauen müssen zudem bei Privatversicherungen mit höheren Prämien rechnen.
Reprivatisierung statt Gleichstellungspolitik
Die Reduktion von öffentlichen Dienstleistungen führt vor allem im Bereich der Kinderbetreuung und Pflege zu einem Dilemma: Diese ist zwar über den Markt käuflich, aber oft viel zu teuer. Dadurch kommt es wieder zur Verschiebung dieser
Aufgaben ins Private. Weil also das öffentliche Leistungsangebot reduziert wird, kommt es zu einer Reprivatisierung von unbezahlter Arbeit, die meist von Frauen verrichtet wird. Niedrigere Einkommen und geringere Aufstiegschancen im Vergleich
zu Männern lassen es oft auch ökonomisch sinnvoll erscheinen, dass Frauen zur Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen ihre Berufslaufbahn
unterbrechen. Viele Haushalte können auf das allgemein höhere Männereinkommen
schlicht nicht verzichten. Dabei gibt es viele Ansätze einer gleichstellungsorientierten
Arbeitsmarktpolitik: Etwa die Schaffung von Anreizen für Männer, unbezahlte
Versorgungsarbeit wahrzunehmen, oder gleiche Zugangs- und Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen. Auch existenzsichernde Mindestlöhne etc. und
die Einbeziehung aller Beschäftigungsformen und -verläufe in Lohnbildungs- und Sozialversicherungssysteme wären Mittel dazu. Wirklich emanzipatorische makroökonomische Modelle müssen die Integration der Güter und Dienstleistungen der Versorgungsökonomie, also der unbezahlten, meist weiblichen Arbeit, in
den Wirtschaftskreislauf zum Ziel haben.

