Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

2008 ist ein „Super-Gedenkjahr“. 1848, 1918, 1938 und eben auch 1968. Nur wie das in Österreich halt so üblich ist, funktioniert Gedenken auf viele unterschiedliche Weisen.

Neokonservative und Bürgerliche schreiben den 68erInnen so ziemlich alles in die Schuhe was ihnen an der heutigen Gesellschaft nicht passt. Werteverfall, Hedonismus und vieles mehr. An allem sind die 68erInnen Schuld? Aber auch über eine andere Schiene funktioniert das Gedenken. Viele Linke loben RAF, PLO und ähnliche Organisationen in den Himmel und übersehen dabei oft ein Potential der 68erInnen, das oftmals im Nachhinein deutlich wurde. Der Hang zur Radikalisierung und wie die Biographien von Horst Mahler und Bernd Rabehl zeigen, auch eine Tendenz zum Rechtsradikalismus.

„Linksfaschismus“?


Jürgen Habermas warnte 1967 vor einer Gewalteskalation der APO (Außerparlamentarische Opposition) und verwendete dabei den Begriff des „Linksfaschismus“. Wie ist dieser Begriff zu verstehen? Dieser Begriff wurde einer breiten Öffentlichkeit wohl durch den HistorikerInnenstreit des Jahres 1986 bekannt und wurde in diesem Zusammenhang von RevisionistInnen verwendet um den Nationalsozialismus in einem Vergleich mit dem Stalinismus zu rechtfertigen. Der Nationalsozialismus wird in diesem Kontext von vielen rechten HistorikerInnen als eine Reaktion gesehen. Habermas meinte aber etwas komplett anderes, denn er bezog sich damit auf die marxistischen Faschismustheorien die den Faschismus als Krisenreaktion des Kapitalismus auf progressive gesellschaftliche Prozesse deuten (stark verkürzt). Er sah die Gefahr, dass die APO mit ihren teilweise illegalen Aktionen so provozieren würde, dass der Staat seine demokratische Maske ablege und die aufkommende Linke Bewegung zerschlage. Die Aktionen der APO wurden nicht mit solchen die faschistische Bewegungen setzten verglichen! Dennoch wurde der Begriff von bürgerlichen Medien aufgegriffen und die APO als demokratiefeindliche autoritäre Organisation gebrandmarkt. Habermas selbst nahm 1977 Linksintellektuelle in Schutz hielt aber seine Kritik an antiliberalen und autoritären Zügen aufrecht.

Auch Daniel Cohn-Bendit, der Parade 68er der französischen Linken, räumte in einem Spiegel Interview 2001 ein, dass damals einige Strömungen von einem Mangel an demokratischer Sensibilisierung gekennzeichnet waren. So antiautoritär ihre Ziele an sich auch waren, so „linksautoritär“ waren ihre Organisationsformen.

Von 68 zum Rechtsradikalismus


Aber auch die Inhalte mancher Strömungen die unter dem Etikett „1968“ gehalten werden waren höchst bedenklich. So wichtig die Entnazifizierung der Gesellschaft und die Kritik der eigenen deutschen Vergangenheit für die 68erInnen waren, so anfällig waren sie teilweise selbst für antisemitische Tendenzen. Der SDS war aus seeinem Selbstverständnis heraus klar antizionistisch und veröffentlichte „Militärkommuniques“ zu „erfolgreichen“ Militäraktionen in Israel. Cohn-Bendit und Joschka Fischer nahmen an PLO Kongressen teil auf denen angeblich der Endsieg über Israel beschworen wurde. Zahlreiche Initiativen formierten sich und riefen gegen „US- Imperialismus und Weltzionismus“ auf und forderten die Zerschlagung des „zionistischen Gebilde Israels“. Auch Berichte über geplante Anschläge auf jüdische Gemeindehäuser in Berlin rückten antiisraelische Tendenzen der Neuen Linken ins Licht. Es darf dennoch nicht die ganze Bewegung als antisemitisch beschrieben werden, aber es ist wichtig auf Tendenzen hinzuweisen die aus antizionistischen und antiimperialistischen Strömungen erwachsen konnten.

Die Tatsache, dass sich zahlreiche prominente DarstellerInnen der damaligen deutschen Linken heute dem Rechtsradikalismus und der NPD zugewandt haben, gibt zu denken. Horst Mahler, einstiges Gründungsmitglied der RAF, ist heute ein bekannter Rechtsextremist der wegen Holocaustleugnung und Volksverhetzung angeklagt wurde. Auch Bernd Rabehl der einst ein bekanntes Mitglied des SDS war ist heute aktives Mitglied der NPD und meinte in einem Interview mit der „Deutschen Stimme“ (Parteiorgan der NPD), dass er „In letzter Konsequenz seinem Denken von damals treu geblieben, nur dass sich inzwischen die politischen Positionen verschoben haben. Was früher als ‚links‘ angesehen wurde, gilt heute als ‚rechts‘.“ Wie sehr die APO damals schon rechte Tendenzen innehatte gilt bis heute in HistorikerInnenkreisen als umstritten.

Tatsache ist, dass die Bewegung von 68 nicht als antisemitisch und „im Prinzip damals schon rechtradikal“ bezeichnet werden kann. 68 war wichtig und führte wenn auch nur beschränkt zu einer Veränderung der Gesellschaft. Eine Bewegung wie diese, auch weil sie äußerst vielseitig war, lässt sich nicht in Kategorien einfangen. Weder waren alle 68erInnen antisemitische „LinksfaschistInnen“ noch war die Bewegung eine die den Weg für Rechtsradikalismus ebnete. Sie darf weder stigmatisiert werden, noch darf sie unreflektiert in den Himmel gelobt werden.

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