Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

'68 und dessen Gründe

Von den Massenmedien wurden die Audimax-Proteste oft im Zusammenhang mit den Geschehnissen um 1968 kommentiert. Ein Vergleich der Ausgangssituationen.

Die achtundsechziger Bewegung in Österreich richtete sich gegen die vorherrschende Gesellschafts- und Bildungspolitik, sowie gegen internationale Kriege zwischen Ost und West.Slogans wie Freiheit der Sexualität, Frauenrechte statt Frauenknechte, Gegen Studiengebühren, Demokratisierung der Hochschulen, Keine Zugangsbeschränkungen, USA, stopp‘ den Krieg, könnten genauso von den Demos der vergangenen Wochen stammen. Ihre Aktualität ist zumindest die selbe.

Die Lage der Studierenden in den sechziger Jahren hatte viele Gemeinsamkeiten mit der heutigen Situation. Die Finanzierung des Studiums basierte meist auf den Unterhaltszahlungen der Eltern. Falls das Elternhaus nicht gewillt war diese zu zahlen, musste der/die Studierende sie klagen. Diese Regelung gilt bis heute noch unverändert. Deshalb besteht auch heute noch eine hohe psychische und finanzielle Abhängigkeit der Studierenden von ihren Eltern. Der Zugang zu den österreichischen Universitäten war damals mit einem Numerus Clausus beschränkt und es wurden Studiengebühren erhoben.

Zwischen 1954 und 1964 stieg die Zahl der HörerInnen um das Eineinhalbfache und die Zahl der AnfängerInnen auf das Doppelte. Die mittlere Studiendauer hatte sich also auch verlängert. Vielleicht weil das Lehrpersonal an den österreichischen Universitäten in den zehn Jahren der selben Zeitspanne um nur 13% erweitert, das wissenschaftliche Personal sogar um 43% verringert wurde. Als Reaktion auf diese dramatische Verschlechterung des Betreuungsverhältnisses wurde der Numerus Clausus hinaufgesetzt und die Studiengebühren auf über 2000 Schilling (heute etwa 650 Euro) erhöht. Auch heute steigt wieder die Zahl der Studierenden und der StudienanfängerInnen. Die Universitäten sind massiv unterfinanziert. Die Betreuungsverhältnisse sind überaus Besorgnis erregend. An der WU zum Beispiel kommt auf etwa 230 Studierende nur einE ProfessorIn. Wieder weiß die Politik keinen besseren Rat als die Einführung von Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren.

Insbesondere für junge Frauen der sechziger Jahre war die Lage misslich. Ihr Eintreten in tertiäre Bildung und die Arbeitswelt stieß in großen Teilen der Gesellschaft auf Unverständnis. Das spiegelte auch die Aussage der damaligen Gewerkschaftsjugend wider, die „Frauenarbeit als eine Notlösung zur Aufbesserung des Gehalts des Mannes“ bezeichnete. 

Selbst laut

In den fünfziger und sechziger Jahren war ein Reformstau entstanden. Auf  die Veränderungen und Probleme wurde nicht reagiert. Teils weil es einfach verschlafen wurde, teils weil diese Veränderung nicht im Sinne einer handvoll Konservativer waren und daher blockiert oder unter den Teppich gekehrt wurden. Aus dieser Situation heraus begannen junge Menschen die Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen. Sie gingen auf die Straßen, besetzten Hörsäle und bildeten Diskussionsgruppen. Dies führte nicht nur zu einer Emanzipationswelle, sondern auch zur Organisierung der Menschen.

Ab den Jahren 1966, 1967 begann sich deutlich eine Bewegung zu formieren. Die „Neue Linke“, wie sie sich nannte, machte in einer Sprache die jede Ideologie vermied - auch die sozialistische oder die marxistische - auf die Probleme der Gesellschaft aufmerksam. Überhaupt zeigte sich eine Antipathie gegenüber etablierten Strukturen und Organisationen, aber vor allem gegen die moderne Leistungsgesellschaft. Es sollte etwas Neues, etwas nie da Gewesenes geschaffen werden.

Gemeinsam laut

Universitäten gelten heute immer noch als ein Bereich männlich-konservativer Machterhaltung. Und heute wie damals müssen eben wir, die Studentinnen und Studenten dieser Zeit, die Sache selbst in die Hand nehmen. Und es könnte wieder etwas Neues entstehen. Das teilweise Scheitern der Achtundsechziger geschah durch interne Streitigkeiten und einer darauf folgenden Zerspaltung in kleine Teile. Das kann diesmal verhindert werden. Dazu bräuchte es nur einen Schulterschluss der Beteiligten dieser Bewegung, die etablierten Strukturen und Organisationen eingeschlossen. Das verlangt sicher viel Dialogsbereitschaft und Ausdauer. Es ist aber die einzige Weise, auf die der gemeinsame Kampf dauerhaft geführt werden kann. Wir müssen gemeinsam eine Basis schaffen, von der aus wir in Zukunft arbeiten können, ohne jedes Mal von neuem beginnen zu müssen.

Lawrence Hall

blank info