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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Das Private ist politisch!
von Sophie Lojka
Die zweite Welle der Frauenbewegung entwickelte sich im Zuge des allgemeinen gesellschaftlichen Aufbruchs der 1960er Jahre. Viele Frauen engagierten sich in autonomen Frauengruppen, da sie die bisherige organisierte Politik ablehnten. Bücher wie Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht", Betty Friedans "Der Weiblichkeitswahn" und Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" wurden von vielen Frauen gelesen. Sie halfen, das damalige Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu kritisieren und grundsätzlich in Frage zu stellen.
"Muff von 1000 Jahren"
Die linke StudentInnenbewegung der 1960er Jahre war prägend für die zweite Frauenbewegung. Die StudentInnenbewegung diskutierte die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit, entwarfen Flugblätter und Resolutionen und kämpften gegen den „Muff von 1000 Jahren“ an den Universitäten sowie gegen SpießbürgerInnentum und für Selbstbestimmung. Die Frauen waren zuvor in den studentischen Vereinen meistens im Hintergrund tätig. Sie kochten Kaffee, tippten die Manuskripte ab und übernahmen die Kinderbetreuung.
Als die Frauen sich über diesen Zustand bei den Männern beschwerten, wurden ihre Forderungen von den Studenten als unpolitisch abgetan. Schließlich sei die Frauenfrage nur ein „Nebenwiderspruch“, der durch die Aufhebung der Klassengesellschaft, also durch die Beseitigung des von den Männern als einzigen Hauptwiderspruch des Kapitalismus bezeichneten Unterschieds zwischen der ArbeiterInnenklasse und der Bourgeoisie, sowieso verschwinden würde.
Den Beginn der zweiten Frauenbewegung in Deutschland markiert der erste Bundesfrauenkongress 1972 in Frankfurt am Main, an dem ca. 450 Frauen aus 40 verschiedenen Frauengruppen teilnahmen.
In ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im September 1968 erklärte Helke Sander:
„Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Wir stellen fest, daß der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden, was zur Artikulierung dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte, da dies eine Neu-Orientierung der SDS-Politik zur Folge haben müßte. Diese Artikulierung wird auf einfache Weise vermieden. Nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt.“
Einer der zentralen Sätze der zweiten Frauenbewegung war also: „Das Private ist politisch!“
Kinderläden und Bildungsarbeit
Im Zuge der Befreiung der Frauen von der aufgezwungenen Mutter- und Haushaltspflicht, richteten einige Frauen so genannte Kinderläden ein. Helke Sander sagte zu der Aufgabe der Kinderläden:
„ So ist die Konzentration auf die Erziehung nicht ein Alibi für die verdrängte eigene Emanzipation, sondern die Voraussetzung dafür, die eigenen Konflikte produktiv zu lösen. Die Hauptaufgabe besteht darin, daß unsre Kinder nicht auf Inseln fernab jeglicher gesellschaftlichen Realität gedrängt werden, sondern darin, den Kindern durch Unterstützung ihrer eigenen emanzipatorischen Bemühungen die Kraft zum Widerstand zu geben, damit sie ihre eigenen Konflikte mit der Realität zugunsten einer zu verändernden Realität lösen können.“
Gerade die alternativen Bildungsansätze der 68er-Bewegung, die bis heute Auswirkungen auf die Bildungssysteme in Europa und weltweit haben, wurden von den damaligen Frauen erarbeitet und sie waren es auch, die an der Umsetzung der Konzepte aktiv arbeiteten. Natürlich bedeuteten die Kinderläden aber auch, dass die Studentinnen mehr Freiraum und Zeit für die Beschäftigung mit ihrem politischen Kampf erhielten, sowohl in der StudentInnen- als auch in der Frauenbewegung.
In Österreich teilte sich die zweite Frauenbewegung zum einen in die Frauen der SPÖ und zum anderen in die autonomen Frauen. Die Forderungen deckten sich mit denen der Frauenbewegung in Deutschland.
In der zweiten Frauenbewegung begann auch die Frauenforschung. Historikerinnen beschäftigten sich mit Frauen, die verschwiegen wurden, und mit dem Finden von ausgeblendeten Frauengeschichten. Auch in der Soziologie versuchten Frauen, ihre Unsichtbarkeit aufzuheben. Sie beschäftigten sich mit dem Alltag und Lebenszusammenhang der Frauen. Ziel der Forschung war, die Emanzipationsprozesse der Frauen in der Gesellschaft durch dieses in den Mittelpunkt rücken voranzutreiben.
Strömungen
Die Strömungen, die während der zweiten Frauenbewegung entstanden, lassen sich grob in Universalismus (Gleichheitsfeminismus) und Differenzialismus (Differenzfeminismus) teilen.
Die Universalistinnen sehen alle sozialen Unterschiede, die zwischen Männern und Frauen bestehen, als von der Gesellschaft konstruiert an. Die wichtigsten Vertreterinnen dieser Strömung in der zweiten Welle waren die sozialistischen und marxistischen Feministinnen. Sie sehen die Überwindung des Patriarchats als einen der Hauptwidersprüche des kapitalistischen Systems, das heißt, der Kapitalismus kann nur gemeinsam mit den patriarchalen Strukturen überwunden werden. In der StudentInnenbewegung der 68er-Generation traten sie die zweite Frauenbewegung los.
Die Differenzialistinnen sehen klare Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Ihr Ziel ist es, die „weiblichen Besonderheiten“ aufzuwerten und zu zelebrieren.
Erfolge und Auswirkungen
Gerne wird die (zweite) Frauenbewegung als tot und gescheitert bezeichnet. Dass aber sehr viele Errungenschaften, die für die heutigen Frauen und auch Männer zum Alltag gehören, nur durch die hartnäckige Arbeit der Frauen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzuführen sind, wird anscheinend häufig verdrängt.
Alltag
Die Frauen der StudentInnenbewegung lebten zu Anfangs oft noch mit männlichen Studenten zusammen. Im Laufe der Zeit beschlossen aber viele dieser Frauen, gemeinsame Wohnprojekte zu starten. Auch Frauen, die nicht studierten, wollten mit anderen Frauen diskutieren und lernen. So entstanden unzählige Frauengruppen, die sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zur Diskussion über Strategien auf dem Weg zur Emanzipation trafen.
Die 68er Bewegung war gekennzeichnet durch die Forderung nach „freier Liebe“. Diese freie Liebe bedeutete damals aber die freie Verfügbarkeit von Sex für die Männer. Die Frauen forderten daher die Befreiung der weiblichen Sexualität. Der Mythos des Penis als einzige Möglichkeit zur Erfüllung weiblicher Lust wurde widerlegt, und Frauen diskutierten und probierten andere Wege der sexuellen Befriedigung. In dieser Zeit entstanden auch Lesbengruppen, die nun verstärkt öffentlich in Erscheinung traten.
Arbeitswelt
Die Frauen forderten die Gleichstellung von Mann und Frau bei der Bezahlung. Diese Forderung ist bis heute aktuell, doch einige Erfolge konnten schon in der zweiten Welle der Frauenbewegung errungen werden. So wurden zum Beispiel 1985 die Kollektivverträge für Frauen und Männer gleichgesetzt.
Abtreibung
Eine der Hauptforderungen der zweiten Frauenbewegung war das Recht auf Abtreibung. Unter dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ kämpften Frauen für ihr Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper.
Zwar ist der Schwangerschaftsabbruch bis heute illegal, allerdings innerhalb der ersten 3 Schwangerschaftsmonate straffrei. In Österreich wurde diese Gesetzesänderung, die so genannten Fristenregelung, 1975 verabschiedet, in Deutschland erst 1992.
Gewalt in der Ehe
1989 wurde in Österreich das Strafrecht in Vergewaltigungsfällen geändert. So dürfen heute vor Gericht keine Fragen mehr über das Vorleben der Frau gestellt werden, keine Fotos mehr gemacht werden und die Frau hat das Recht, den Ausschluss der Öffentlichkeit zu verlangen. Durch diese Maßnahmen sollte die sogenannte „zweite Vergewaltigung“ während der Gerichtsverhandlung vermieden werden. Ein wichtiger Punkt dieser Strafrechtsänderung war, dass nun auch Vergewaltigung innerhalb der Ehe strafbar wurde. In Deutschland wurde dieses wichtige Gesetz zum Schutz von Frauen innerhalb der Ehe erst 1996 beschlossen. 1995 begründete Wolfgang von Stetten, CDU, seine Ablehnung gegenüber diesem Gesetzes mit den Worten:
„Die Ehe ist eine Geschlechtsgemeinschaft und verpflichtet grundsätzlich zum ehelichen Verkehr. Die Verweigerung von Anfang an ist unter Umständen Aufhebungsgrund, die spätere Verweigerung Scheidungsgrund. Zum ehelichen Leben gehört auch, die Unlust des Partners zu überwinden. Der Ehemann ist nicht darauf aus, ein Verbrechen zu begehen - manche Männer sind einfach rabiater.”
Alternative Bildungsansätze
Die Frauen der StudentInnenbewegung setzten sich zu Anfangs vor allem für Mütter ein. Sie gründeten in Deutschland daher Kinderläden, um Betreuungsplätze zu schaffen. Sie beschäftigten sich aber auch mit alternativen Bildungssystemen, um ihre Kinder ohne geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen, das Leistungsprinzip und die autoritären Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft aufwachsen zu lassen. Die antiautoritäre Erziehung war geboren.
In Österreich entstand zu dieser Zeit eine Großzahl von freien Schulen, die diesen Bildungsgedanken der 68er-Generation in die Praxis umsetzen sollten. Diese Schulen wurden fast ausschließlich von Frauen gegründet und geleitet, und einige von ihnen bestehen bis heute.
Quellenangaben:
http://www.tu-harburg.de/agentec/team/gross/carstensen_gross_feminismen.pdf
http://www.joerg-rudolph.de/diplomarbeit/05_rechtspolitische_diskussion.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Schwangerschaftsabbruch
Botros, Maria-Luise (Hrsg.): Frauen, die auszogen und Freie Schulen gründeten. Wien: 2000

