Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Feministische Popkultur...

von Kathrin Kaltenberger

 

Popkultur gibt’s nun schon seit geraumer Zeit – auch das Wort Feminismus existiert seit längerem. Doch als ein Wort?

Feministische Popkultur – Was ist das überhaupt? Seit wann existiert sie? Welche Vertreterinnen gibt es? - Das alles erfahrt ihr in diesem Text

Popfeminismus

Kultur von starken Frauen für starke Frauen und für eine gleichberechtigte Welt.

Sonja Eismann, Autorin des Buches „Hot Topic – Postfeminismus heute“ versteht unter Popfeminismus folgendes:

„Popfeminismus ist ein Begriff, der noch nicht wirklich mit Inhalt gefüllt worden ist. Er hängt ein bisschen luftleer in der Gegend – wie ein Versprechen, das noch nicht eingelöst wurde. Viele Leute aus der klassischen Linken finden, dass mit diesem Begriff eine gewisse Sinnentleerung einhergeht; und dass er sich nicht dafür eignet, um zum Beispiel Kapitalismuskritik zu üben. Auf der anderen Seite hängen viele Leute sich den Begriff gerne um. Sie haben keine Berührungsängste damit, weil sich Popfeminismus so schön fluffig anfühlt. Pop, das hat etwas Unbedrohliches, keine harten Linien.
Für mich ist Popfeminismus die Kritik von Popkultur mit einem feministischen Instrumentarium. Meine Generation ist sehr stark mit Popkultur sozialisiert worden. Das heißt aber nicht, dass diese Kultur kein streitbares Feld wäre. Popmusik, Fernsehen oder Werbung müssen genauso mit feministischen Mitteln kritisiert werden wie Gesetze.“

 

Third Wave Feminismus

Anfang der 1990er Jahre entwickelte sich der „Third Wave Feminismus“. Der aus Amerika kommende Begriff geht auf die afro-amerikanische Rebecca Walker zurück, die 1992, bezogen auf ein Gerichtsurteil, durch welches ein Vergewaltiger freigesprochen wurde, folgendes schrieb,:

“Ich schreibe das als einen Appell an alle Frauen, vor allem Frauen meiner Generation: Werdet ärgerlich über diese Abweisung der Erfahrung einer Frau. Verwandelt diese Wut in politische Macht. Wählt sie nicht, solange sie nicht für uns arbeiten. Schlaft nicht mit ihnen, brecht nicht das Brot mit ihnen, ernährt sie nicht, wenn sie nicht eurer Freiheit, über eure Körper und eure Leben selbst zu bestimmen, Vorrang geben. Ich bin keine post-feministische Feministin. Ich bin die Dritte Welle.“

„Third Wavers“ sind meist Frauen, die in einer etwas feministischen Welt aufgewachsen sind, in der Gleichstellung und Frauenförderung jedoch noch nicht ausgeprägt waren. Themen wie Identität, Medien, Mode, Populärkultur, Sexualität und soziale Gerechtigkeit stehen im Vordergrund der „Third Wavers“.

Aus dem „Third Wave Feminismus“ sind einige Mädchen-Gruppierungen entstanden. 1991 entstand die Riot-Grrrl Bewegung. Riot heißt in der deutschen Übersetzung soviel wie Aufruhr oder Krawall. Die Gründerinnen Kathleen Hanna und Jean Smith von den Bands Bikini Kill und Mecca Normal & 2 Foot Flame wollten mit Riot Grrrl den Mädchen in der ganzen Welt klar machen, dass sie etwas verändern können und müssen, um sich in einer patriachalen Gesellschaft durchzusetzen. Denn noch immer herrschen Zustände, die Mädchen immer in die zweite Reihe drängen und dazu führen, dass sie sich in einer männerdominierten Welt schwer bis gar nicht behaupten können.

Um die Hintergründe dieser Gruppierung zu verstehen bzw. die Ambitionen von Riot Grrrl zu sehen ist es am Besten das Manifest von Riot Grrrl zu lesen:

Riot Grrrl Manifest:

„WEIL wir uns nicht an die standards anderer (die der jungs) anpassen wollen, an deren definitionen, was "gute" musik, punkrock oder "gutes" schreiben ist, UND DAHER orte schaffen wollen, an denen wir unsere eigenen vorstellungen entwickeln, zerstören und definieren können.

WEIL wir nicht mehr länger zurückschrecken vor dem vorwurf, wir seien reaktionäre, "umgekehrte sexistinnen" oder gar "punkrock-kreuzigerinnen", die wir ja tatsächlich sind.

WEIL wir wissen, dass leben mehr sein kann, als bloß physisch zu existieren und uns bewußt ist, dass die idee des do-it-yourself im punkrock zentral für die kommende wütende grrrl-rock-revolution ist, die die psychischen und kulturellen welten von mädchen und frauen in ihren eigenen begriffen zu retten versucht.

WEIL wir wege finden wollen, wie wir antihierarchisch sein und musik machen, freundschaften und szenen entwickeln können, die auf kommunikation und verständnis basieren und nicht auf konkurrenz und kategorisierung von gut und böse.

WEIL das machen/lesen/hören von coolen, uns selbst wertschätzenden und herausfordernden dingen uns helfen kann, die stärke und den gemeinschaftssinn zu entwickeln, die wir brauchen, um herauszufinden, was scheisse wie rassismus, sexismus, antisemitismus, diskriminierung aufgrund des alters, der spezies, der sexualität, des gewichts, der klasse oder körperlicher behinderungen in unserem leben anrichten.

WEIL wir die unterstüzung und die stärkung von mädchenszenen und künstlerisch aktiven mädchen als integralen bestandteil dieses prozesses sehen.

WEIL wir kapitalismus in all seinen formen hassen und weil es unser zentrales ziel ist, informationen zu teilen und wir nicht den herrschenden standards entsprechend nur geld machen oder cool sein wollen.

WEIL wir wütend sind auf eine gesellschaft, die uns sagt, mädchen = blöd, mädchen = böse, mädchen = schwach.

WEIL wir es nicht zulassen, dass unsere echte und berechtigte wut verpufft und/oder über die internalisierung von sexismus, wie wir sie in der rivalisierung von mädchen oder in ihrem selbstzerstörerischen verhalten sehen, gegen uns gerichtet wird.

WEIL selbstzerstörerisches verhalten (jungs ohne kondom vögeln, bis zum exzess saufen, freundinnen fallen lassen, sich selbst und andere mädchen klein machen etc.) nicht so einfach wäre, wenn wir in einer gemeinschaft leben würden, in der wir uns geliebt, erwünscht und geschätzt fühlen.

WEIL ich absolut 100%ig überzeugt bin, dass mädchen eine revolutionäre kraft haben, die die welt wirklich verändern kann und wird.“

 

Evelyn McDonnel, die für unterschiedliche Musikmagazine wie etwa dem Rolling Stone oder Spin schreibt war bei der Entstehung von Riot Grrrl in New York City dabei: „Riot Grrrl begann hier in New York 1992 mit dem Musikfestival `WIG WAM BAM`, wo die ersten Riot-Grrrl-Treffen abgehalten wurden. Danach ging alles sehr schnell: Frühling und Sommer 1993 war eine sehr turbulente Zeit. WAC (Women’s Action Coalation) war noch immer aktiv, wir gründeten SWIM (Strong Women in Music) und trafen uns oft bis zu dreimal wöchentlich zu irgendwelchen Treffen oder Aktionen.“

 

Von Riot Grrrl zu Secret Girl Conspiarcy zu Home Alive

In den 1990er Jahren entstanden auch andere Pro-Girls Initiativen, die auf ähnliche Weise Änderungen hervorzurufen versuchten. Secret Girl Conspiracy ist eine Gruppe von Frauen, die gemeinsam Projekte realisieren, etwa Events oder Zines (siehe nächster Punkt). Wichtig bei all diesen Organisationen ist die gegenseitige Unterstützung der Mädchen untereinander, die Ablehnung von Hierarchien, Gewalt gegen Frauen zu verhindern und patriarchale Einschränkungen zu durchbrechen.

Eine andere Gruppierung, die sich 1993 entwickelte, ist Home Alive. Die Organisation ist auf Grund der brutalen Vergewaltigung und Ermordung einer Freundin der Gründerinnen entstanden. Mitglieder der Kunst- und Musik-Community haben sich in Seattle als Kollektiv vereinigt: „Wir bekämpfen jede Form von Gewalt und unterstützen alle Arten von Selbstverteidigung, die das Überleben in einer spezifischen Situation erfordert.“

Cristien Storm, Mitglied von Home Alive: „Unser Konzept weist die gängige moralische Implikation zurück, dass wir, weil wir „böse Mädchen“ sind, selbst Schuld tragen an der Gewalt in unserem Leben. Diese Schulzuweisung wollen wir nicht akzeptieren…“

Home Alive bieten kostenlose Selbstverteidigungskurse, Workshops, Informationen und Diskussionsforen an.

Zines

Zines sind kleine selbstgemachte Hefte, die Gedanken und Visionen von verschiedenen Mädchen enthalten. Diese Hefte werden auf Konzerten untereinander ausgetauscht und sind im Gegensatz zu Teenagermagazinen frei von Vorurteilen und Klischees. Sie vermitteln eine eigene Sichtweise auf bestimmte Dinge. Durch die Hefte, die die Kontaktadresse der Verfasserin enthalten, entstanden Kommunikationspole zum Meinungs- und Gedankenaustausch sowie zum Planen von neuen Riot Grrrl Aktionen.

Bitches, Dykes und Girls

Pro-Mädchen Gruppierungen versuchen auch negative Zuschreibungen von Bezeichnungen ins rechte Licht zu rücken und ins Positive umzudeuten. Warum das wichtig ist, erklärt Valery Agnew, Gründerin von Home Alive und Mitglied der Band 7 Year Bitch: „Für mich ist bitch etwas Positives – wenn jemand mich bitch nennt, fass ich das als Kompliment auf. Bitch bedeutet einen starken Charakter zu haben, eine Frau zu sein, die weiß, was sie will und sich nichts gefallen lässt. Wir reklamieren das Wort für uns und nehmen es für positive Bilder in Anspruch. Es ist eine Frage der Einstellung“.

Auch das Wort Girl ist in der Gesellschaft nicht gerade positiv besetzt. Es steht für ein braves süßes Mädchen, das schwach ist, das auf keinen Fall aufmucken soll und schon gar nicht seine eigene Meinung äußern soll oder darf.

 

Ich will nicht, dass beschissene Teen-Magazine für mich sprechen …

Amelia, die auch bei den Anfängen von Riot Grrrls dabei war, meint: „Auf Mädchen prasseln Millionen von Images nieder, die ihnen vorschreiben, wie sie sein sollen: Da gibt es die Lebensart von `Seventeen`, den alten und den neuen `SASSY-Stil` und die `Cosmopolitan-Variante` für Weltgewandte. Diese Medienimages prägen unser Denken über unsere Körper, wer wir sind und was wir tun können. Deshalb stimmt es nicht, wenn Leute sagen `es gibt keinen Bedarf an RG`. Nur weil es für dich ein alter Hut ist, heißt das noch lange nicht, dass du es nicht an andere Mädchen weitergeben sollst. RG ist wichtig, so lange Frauen als Sexualobjekt angesehen und kleine Mädchen auf Diät gehalten werden und sich zu Tode hungern, solange Frauen am Arbeitsmarkt für jeden Dollar, den die Männer machen, 65 Cents kriegen.“

Feministische Kämpferinnen im Film

Die feministische Haltung etablierte sich nicht nur in der Musik, auch der Film nahm langsam Bezug auf den Feminismus. Gerade weibliche Regisseurinnen versuchten, die Frau als starkes Individuum, das sich gegen Sexismus wehrt, darzustellen.

US-Regisseurin Alex Sichel über die Anfänge von starken emanzipierten Frauen im Film: „Film hinkt, popkulturell gesehen, den Entwicklungen immer ein paar Jahre hinterher. Deswegen war es auch so schwierig, für `All over me` einen Verleiher zu finden. Das Grrrl-Ding hatte schon vor vielen Jahren stattgefunden, während in der Filmwelt die Leute nicht einmal jetzt so richtig dafür bereit sind. Außerdem hatten wir beide das Gefühl, dass wir noch nie einen Film über das Thema Mädchenfreundschaft gesehen hatten, der uns aufrichtig erschienen wäre. Zu meiner Zeit gab es die typischen John-Hughes-Filme á la `Breakfastclub` mit Molly Ringwald. Die Mädchen waren darin immer zu perfekt, nie so wie du selbst, und deshalb konnte man sich nie wirklich mit ihnen identifizieren.“

Doch Mitte der 90er scheint auch der Film offen für Feminismus zu sein.

Im Jahr 1991 war in Ridley Scott´s „Thelma und Luise“ noch kein Happy End für die beiden Protagonistinnen zu sehe, heute ist die Gesellschaft ein Stück weiter. In Filmen wie „Freeway“ (Matthew Bright, 1996) oder „Girlstown“ (Jim Mckay, 1996) ist für die Hauptakteurinnen, die auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, ein für sie durchaus positives Ende in Sicht.

... und Literatur

Aber nicht nur Film und Musik bieten Plätze für feministische Popkultur. Erst vor kurzem machte eine deutsche Autorin auf sich aufmerksam:

 „Ich benutze mein Smegma wie andere ihre Parfümflakons. Mit dem Finger kurz in die Muschi getunkt und etwas Schleim hinters Ohrläppchen getupft und verrieben. Wirkt schon beim Begrüßungsküsschen Wunder.“

Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Sie kann als Vorreiterin der ausgesprochenen Sexualität gelten und auch als Frau, die sich nicht scheut, feministische Denkweisen weiterzugeben.

Frauen, die auch mal anders können – als nur Mutter, Heilige oder Hure zu sein. Freiheit auch durch Ausdrucksweise wird vom „schwachen“ Geschlecht erst seit kurzem praktiziert.

Sex wird bei Popfeministinnen vor allem als Waffe gesehen – um sich in einer männderdominierten Welt durchzuboxen.

Selbst inszenieren auch durch eine offene Sexualität – dass machen die feministischen Popköniginnen.

 

Popfeminismus heute

In den 1990er Jahren fing die feministische Popkultur an sich zu entwickeln und heute geht es noch immer weiter. Musiksender wie MTV haben trotz aller berechtigten Sexismusvorwürfe auch dazu beigetragen, dass junge Musikerinnen ihre Kunst einer breiten Schicht zugänglich machen konnten. In der Popwelt gibt es starke Musikerinnen wie Peaches, P.J. Harvey aber auch Madonna und Grace Jones, die für viele junge Frauen als Vorbild gesehen werden. Rosa Reitsamer, Herausgeberin des Buches Female Consequences, ist der Meinung, dass „Popmusik jedoch weder als unhinterfragter Hort männlicher Dominanz, noch als freie Spielwiese emanzipativer Praktiken gesehen werden kann.“

 

Quellenangaben:

Sonja Eismann interviewt von Stefanie Büther. Sonja Eismann (Hg.): Hot Topic. Popfeminismus heute. Ventil Verlag 2007.

http://www.antjeschrupp.de/third-wave-feminismus.htm

http://www.projektwerkstatt.de/gender/texte/grrrl_manifest.html

Baldauf, Anette und Weingartner, Katharina : Lips, Tits, Hits, Power ? Popkultur und Feminismus. Bozen: Folio, 1998. S.29, S.52, S.54

Roche, Charlotte: Feuchtgebiete. Köln: Dumont, 2008.  S.19.

Dorn, Thea:  Die neue F-Klasse. München: Piper, 2007. S.137-152.

 

Lesens-/Sehens-/Hörenswertes:

 

Filme:

  • Thelma & Luise
  • Juno
  • Persepolis

Musik:

  • Bikini Kill
  • Chicks On Speed
  • Lady Bitch Ray
  • Peaches          
  • P.J. Harvey

Bücher:

  • Feuchtgebiete – Charlotte Roche
  • Lips, Tits, Hits, Power? – Anette Baldauf, Katharina Weingartner
  • Die neue F-Klasse – Thea Dorn
  • Wir Alphamädchen – Meredith Haaf, Susanne Klingner, Barbara Streidl

Zeitschrift :

  • Missy Magazine

 

 

blank info