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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Die Erste Frauenbewegung
von Agnes Riha
Die sehr heterogene Erste Frauenbewegung begann sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu formieren. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Ziel, das sich immer mehr aus der Frauenbewegung herauskristallisierte, aber nicht von Anfang an von allen Frauen in den verschiedenen Strömungen mitgetragen wurde, zunehmend in immer mehr Ländern erreicht – das Frauenwahlrecht.
Lebenssituation von Frauen im 19. Jahrhundert
Frauen erlebten im 19. Jahrhundert eine „relative Deprivation“ gegenüber Männern, aber auch gegenüber Frauen früherer Zeiten. So wurde dieses Jahrhundert beispielsweise von Lenin als „Tiefpunkt eines langen Abstiegs“ in der Frauengeschichte gesehen.
Die Benachteiligungen äußerte sich in vielen Bereichen: Während die Industrialisierung eine Verschlechterung der Lebensbedingungen der Frauen durch niedrigere Löhne, die Doppelbelastung durch die Familie und den fehlenden Mutterschutz mit sich brachte und das Bildungssystem selbst hochbegabten Frauen keine Förderung zuteil werden ließ, wurde die männliche Dominanz aufgrund derer teilweisen politischen Partizipationsmöglichkeit weiter gestärkt. Es fand eine extreme Maskulinisierung der Politik im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert statt. In vorangegangen Jahrhunderten waren zwar nur Frauen einer kleinen, finanziell bessergestellten Elite die Teilnahme an der Politik erlaubt, in Österreich etwa durften steuerzahlende Frauen bei Landtagswahlen sogar bis 1880 aktiv wählen. Doch mit der Zeit wurden ältere geschlechtsneutrale Bezeichnungen bei Wahlrechtsgesetzen durch nur Männer betreffende Regelungen ersetzt.
Anfänge der Bewegung
Frauenwahlrechtsforderungen gab es schon zur Zeit der Französischen Revolution und der europäischen Revolutionen um 1848. Doch diese waren angesichts des Kampfes um das Männerwahlrecht auch von Frauenseite noch ein Minderheitenprogramm. Die vorherrschende Meinung von Feministinnen dieser Zeit war, zuallererst gegen weibliche Armut zu kämpfen.
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in vielen Ländern immer mehr wohltätige Frauenvereine – vor allem wohlhabendere Frauen leisteten unbezahlte Sozialarbeit. In England und den USA waren Frauen auch in Abolitionsbewegungen (Antisklavereibewegungen) sehr engagiert. Durch diese Vereine entstanden Netzwerke und Strukturen, die für die Entwicklung der Frauenbewegung förderlich waren.
Das mehrheitliche Ziel von sozial engagierten Frauen war es, zum Allgemeinwohl beizutragen. Die Feministinnen der Frauenbewegung, die sich zu dieser Zeit zu formieren begann, strebten hingegen nach Selbstentfaltung – durch das „Frauenwohl“ sollte zum „Gemeinschaftswohl“ beigetragen werden.
Institutionalisierung und transnationale Vernetzung
In weiten Teilen Europas entstanden in den 1860ern organisierte Frauenbewegungen, die zunächst national ausgerichtet waren. Es fand eine Liberalisierung des politischen Lebens statt und immer mehr Frauenzeitungen und –vereine wurden gegründet. Die Hauptanliegen der Frauen drehten sich um die Bereiche Bildung, Arbeit, (Ehe-) Recht und weibliche Armut.
Ab den 1890ern schlossen sich die Vereine der bürgerlichen Frauenbewegung nach dem Vorbild des National Council of Women in USA, der 1888 gegründet wurde, in nationalen Dachverbänden zusammen. Diese traten dem International Council of Women (gegründet 1888 in den USA) bei. Die Vernetzung untereinander durch Kongresse war in vollem Gange.
Die bürgerliche Frauenbewegung hatte eine gemäßigte Mehrheit und stand für eine dezentrale, nachhaltige Feminisierung der Gesellschaft. Frauen sollten nach und nach politische Rechte erhalten. Es gab in der bürgerlichen Frauenbewegung aber auch eine radikale, linksliberal geprägte Minderheit, die Forderungen nach politischer Emanzipation stellte und offensive Agitation betrieb.
Auch in den bürgerlichen Frauenbewegungen gab es vereinzelt Sozialistinnen, doch die sozialistische Frauenbewegung grenzte sich von den bürgerlichen Frauenbewegungen ab: „Die sozialistische Frauenbewegung aller Länder (…) führt ihren Kampf nicht im Bunde mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, sondern in Gemeinschaft mit den sozialistischen Parteien (…)“ hieß es damals.
Die sozialistische Frauenbewegung
„Den Konflikt, den der Kapitalismus für die Frauen erzeugt hat [..] beseitigen, den Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft“ – dies war das Hauptanliegen der sozialistischen Frauen im Jahr 1910. Doch auch in sozialistischen Bewegungen war die Beteiligung von Frauen nicht immer erwünscht. Als 1864 die Internationale Arbeiterassoziation gegründet wurde, war die Miteinbeziehung der Frau noch keine Selbstverständlichkeit. Marx setzte sich jedoch für die Frauenbeteiligung ein, da Frauen ebenso Industriearbeiterinnen waren.
Bei der Gründungskonferenz der Zweiten Internationalen 1889 in Paris nahmen auch Frauen teil – doch unter den 389 Delegierten fanden sich nur acht weibliche, unter ihnen Clara Zetkin. Beim vierten Kongress im Jahr 1896 wurde erstmals das Frauenwahlrecht gefordert.
1907 fand die erste Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Stuttgart mit 58 teilnehmenden Frauen statt – Zetkin war Sekretärin. 1910 wurde auf der zweiten Konferenz beschlossen, ab 1911 den Internationalen Frauentag einführen, um die Wahlrechtspropaganda voranzutreiben. Das Wahlrecht war der Start für den Kampf um politische Rechte für Frauen, doch es wurde nicht als primäres Ziel gesehen, sondern als Beginn eines gemeinsamen Kampfes beider Geschlechter für die Erringung einer sozialistischen Gesellschaft. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern blieb ein „Nebenwiderspruch“ neben dem „Hauptwiderspruch“ zwischen Kapital und Arbeit.
Im Jahr 1892 hat die Sozialdemokratie in Österreich die Forderung des Frauenwahlrechts in ihr Programm aufgenommen. Victor Adler sprach sich jedoch an erster Stelle für das Männerwahlrecht aus, danach käme erst das Frauenwahlrecht – die politische Lage sei noch nicht bereit zu solch einem Schritt. Bei der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz 1907 wurden die sozialdemokratischen Frauen dafür gerügt, weil sie Verständnis für diese Sicht aufgebracht haben.
„Gleiche Moral für Mann und Frau“
Auch wenn die sozialistische und die bürgerliche Frauenbewegung nicht so viele Berührungspunkte hatten, waren ihnen einige, die Privatsphäre von Frauen betreffende Ansichten gemeinsam.
Ein Beispiel dafür ist die Sittlichkeitsbewegung, wodurch die Doppelmoral der Gesellschaft aufgezeigt wurde. Es mutet vielleicht seltsam an, dass die Autonomiebestrebungen der Feministinnen mit einer rigorosen Sexualmoral verknüpft wurden. Doch die „Regelung und Besserung der Sittlichkeitsverhältnisse“ umschloss Forderungen nach der Bestrafung von sexuellen Übergriffen, die Abschaffung der staatlichen Reglementierung von Prostitution, verbesserte Scheidungsgesetze, die Stärkung der Rechtsposition der Frau in der Ehe und Überlegungen zur Abtreibung. Aus dem Eintreten für die Sittlichkeit entstand die „erste Massenkampagne der europäischen Frauenbewegung“ - 250.000 Personen versammelten sich 1885 beim Hydepark, um gegen den „weißen Sklavenhandel“, also den Handel mit Prostituierten, zu protestieren.
Durch die öffentliche Thematisierung von Prostitution, Sexualität und Eheleben wurde das Private erstmals zum politischen Thema, was auch eines der Hauptanliegen der 2. Frauenbewegung ab den 1960ern war. Angesichts der strikten Trennung von Privatsphäre und öffentlichen Leben, die charakteristisch für das 19. Jahrhundert war, setzte die Frauenbewegung mit diesen Themen völlig neue Maßstäbe.
Die „Kulturaufgabe der Frau“
Die Sittlichkeitsbewegung einte auch die Frauen, die auf Gleichheit pochten, mit denen, die in der Gegensätzlichkeit der Geschlechter etwas Grundlegendes sahen.
Erstaunlicherweise zog sich das Denken in Geschlechterdichotomien durch beinahe alle Lager der ersten Frauenbewegung, wenngleich dieses bei bürgerlichen Frauenrechtlerinnen am stärksten ausgeprägt war. Demzufolge wäre die soziale Weltordnung durch die reine Männerherrschaft verkümmert, die „Kulturaufgabe der Frau“ wäre es nun, mit ihrer Eigenschaft der „Mütterlichkeit“ - auch im geistigen Sinn verstanden - zu einem politischen Gleichgewicht beizutragen.
Sogar August Bebels 1879 erschienene weitreichende Analyse der Stellung der Frau in der Gesellschaft „Die Frau und der Sozialismus“, die großen Einfluss auf die Frauen der sozialistischen Frauenbewegung hatte, zeigte anti-egalitäre Vorstellungen bezüglich des Verhältnisses von Mann und Frau.
Der lange Weg zum Frauenwahlrecht
Seit der Jahrhundertwende gab es zunehmend „Antis“ - Frauen und Männer, die gegen das Frauenwahlrecht polemisierten und für sich beanspruchten, die schweigende Mehrheit der Frauen zu vertreten. Sie organisierten sich in Bünden und zeichneten sich durch eine konservative Geschlechterideologie und rassistische Gesinnung aus. In Deutschland und Österreich waren diese Bünde auch antisemitisch eingestellt. Die Antis trugen dazu bei, dem Wahlrecht für Frauen einen hohen symbolischen Wert beizumessen.
Die Frauenwahlrechtsbewegung zog überall dann massenweise Frauen an, wenn eine realistische Chance gegeben war, dieses zu erreichen, also wenn es für die Männer eine Demokratisierung gab. In Ländern wie Frankreich und der Schweiz wurden politische Männerrechte schon sehr früh, als noch keine starke Frauenbewegung existierte, durchgesetzt. In diesen „Männerdemokratien“ warteten Frauen lange auf politische Mitbestimmung. Die Forderung war also nie ein bloßes Anhängsel anderer Demokratisierungsbewegungen, sondern stets ein Verdienst der Frauenbewegung - August Bebels berühmtes Zitat „Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeoisie warteten.“ bringt das passend zum Ausdruck.
Während das Frauenwahlrecht am europäischen Kontinent von der Mehrheit der Frauen lange als „ferne Krönung feministischer Bestrebungen“ gesehen wurde, forderten es die Sufragetten in England schon ab den 1880ern vehement. Um 1900 wurde diese Forderung aber überall zu einem wichtigen Ziel. Der Suffragismus hat sich beispielsweise im „Weltbund für Frauenstimmrecht“ transnational vernetzt und diese weltweite Bewegung bedeutete mehr Schlag- und Anziehungskraft.
Erste Erfolge
Ab dem Beginn des 20. Jahrhundert hatte sich die Frauenwahlrechtsbewegung zu einer Massenbewegung ausgewachsen. Zunehmend waren ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt: Als erstes europäisches Land richtete Finnland 1906 das Frauenwahlrecht ein. Doch durch den ersten Weltkrieg ergab sich ein Einschnitt in den Bewegungen. Der Nationalismus, der immer schon eine Rolle in den Frauenbewegungen gespielt hatte, flammte wieder auf und lähmte sie. Die Frauenwahlrechtsbewegung wurde an ihrem Höhepunkt durch den Krieg abgebrochen, die soziale Fürsorge schob sich zuungunsten der Wahlrechtsforderung in den Vordergrund.
1916/17 griffen die Frauen die Forderungen nach dem Wahlrecht wieder auf. Die politischen Parteien waren von vielfältigen Befürchtungen geplagt: So hatten die Sozialisten Angst, dass von einem Zensuswahlrecht der Frauen die Liberalen und Konservativen profitieren würden, die Liberalen fürchteten eine Stärkung der Klerikalen und die Konservativen zitterten vor einer Erstarken der Sozialisten und Liberalen sowie der Frauenemanzipation.
Nichtsdestotrotz kam es nach dem ersten Weltkrieg zu einer ersten Welle der Einführung des Frauenwahlrechts. Meist kam es nicht zu einer vollständigen Einführung des Frauenwahlrechts, Auflagen in Form von Zensus, Bildung, Alter, Zivilstand und der Differenzierung zwischen aktiv und passiv waren die Regel.
Um die frühere Ablehnung zu kompensieren, wurde argumentiert, dass die Frauen es sich durch ihre Kriegsarbeit verdient hätten. Diese „Anerkennung“ wurde von den Frauenverbänden öffentlich abgelehnt. Nicht der Krieg war Grund für die Durchsetzung des Frauenwahlrechts, sondern die transnationale Mobilisierung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Frauen der Frauenbewegungen haben diesen Sieg durch jahrzehntelange Agitation selbst errungen, niemand sonst hätte sich um ihre Anliegen gekümmert. Gleichzeitig war klar, dass das Wahlrecht nicht das letzte Ziel, sondern den Ausgangspunkt eines langen Kampfes zu wirklicher rechtlicher Gleichstellung darstellen würde.
Quellen
Zeitschriften:
Bauer, Gisa: Ideengeschichte als Politikgeschichte. Dezember 2007. In: Ariadne Nr. 52, S.22-28
Karstedt, Susanne: „Andere Länder, andere Sitten“. Mai 1994. In: Ariadne Nr. 25, S.30-35
Rupp, Leila J.: Zur Organisationsgeschichte der internationalen Frauenbewegung vor dem Zweiten Weltkrieg. 1994. In: Feministische Studien Nr. 2/94, S.53-63
Internet (Zugriffe November 2008):
http://www.uni-ulm.de/LiLL/3.0/D/frauen/biografien/Jh19/otto.htm
http://www.ipu.org/wmn-e/suffrage.htm
http://www.renner-institut.at/frauenakademie/wahlrecht/wahlrecht.htm
August Bebel 1879: www.mlwerke.de/beb/beaa/beaa_163.htm
Bücher:
Bock, Gisela: Frauen in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Beck’sche Reihe, München 2005
Karlson, Irmtraut; Socialist International Women: Die ersten hundert Jahre. Eine kurze Geschichte der Sozialistischen Fraueninternationale. vorwärts buch Verlag, Berlin 2007

