Unigruppen

Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Frauen und Wissenschaft

von Sarah Huber

Mehr als 150 Jahre nach Beginn einer damals mehrheitlich bürgerlichen Frauen­bewegung und mehr als 100 Jahre nach Zulassung der ersten Frau an einer österreichischen Universität sind viele Forderungen nach Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft umgesetzt. Trotzdem ist die strukturelle Diskriminierung von Frauen nach wie vor traurige Realität. Weiterhin werden unter dem scheinbaren Bekenntnis zu Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen – gerade in Zeiten des in Vormarsch befindlichen neokonservativen Weltbilds – patriarchale Werte reproduziert und verfestigt. Moderne Diskriminierung ist zwar wesentlich weniger sichtbar als zu den Anfängen der Frauenbewegung (kein Wahlrecht, kein Hochschulzugang, keine Geburtenkontrolle,...), gleichzeitig wird sie aber damit umso gefährlich

Write Her Story – Frauen an der Universität

 

Bis zum Ende des 19. Jahrhundert waren Universitäten ausschließlich für Männer bestimmt. 1878 erfolgte ein erster Schritt in Richtung Gleichstellung von Frauen und Männern auf universitärer Ebene. Frauen war es nun erlaubt, als Gasthörerinnen an Vorlesungen teilzunehmen.

Doch der eigentliche Meilenstein in der österreichischen Geschichte der universitären Frauenbildung erfolgte im Jahr 1897. Denn: Sieben Jahre nachdem der Prager Frauenbildungsverein Minerva eine Petition verfasste, in der der ausdrückliche Wunsch enthalten war, Frauen das Universitätsstudium zu ermöglichen, wurde in Österreich die medizinische und philosophische Universität in Wien, Graz und Innsbruck für Frauen geöffnet. In den Jahren darauf erfolgte eine schrittweise Öffnung aller österreichischen Universitäten für Frauen. 1920 erfolgte die Öffnung der juristischen Fakultät, 1923 zur evangelischen Theologie und im Jahr 1946 zur katholischen Theologie. 

Frauen an Universitäten heute – Gelebte Gerechtigkeit?

Frauen und Männer sind, zumindest theoretisch, in Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft gleichberechtigt. Auch an den Universitäten sieht es auf den ersten Blick so aus, als ob Ungerechtigkeit zwischen den beiden Geschlechtern kein Thema mehr ist. Circa 58% aller StudienanfängerInnen sind weiblich und rund 54% der UniversitätsabsolventInnen sind Frauen. Doch: Lediglich 14% der UniversitätsprofessorInnen sind weiblich. Wie kann dieses Phänomen erklärt werden?

Bruchsicher: Gläserne Decke

Diese stetige Abnahme des Frauenanteils resultiert aus verschiedenen sozialen Prozessen. Auch im Universitätswesen bestimmt die männliche Norm die vorherrschenden Strukturen.

Durch diese Dominanz der männlich geprägten Normen kommt es zu einer über Strukturen „gemachte“ Benachteiligung von Frauen. Das Phänomen von struktureller Benachteiligung wird „Gläserne Decke“ genannt. Es beschreibt, dass Frauen ab einem gewissen Zeitpunkt auf unsichtbare, aber doch bruchsichere Barrieren stoßen. Einer der wesentlichsten Gründe dafür  ist die Doppelbelastung, der studierende Frauen ausgesetzt sind. Neben Studium und Arbeit fallen meist noch Familie und Haushalt auf Frauen zurück. Durch diese zusätzlichen Tätigkeiten bleibt weniger Zeit für das Studium und die wissenschaftliche Arbeit.

„Entscheidend ist der Übergang von der Promotion zur Habilitation. Mit diesen Qualifikationsstufen gehen Frauen der Wissenschaft verloren.“[1]

Grundsätzlich ist zu erkennen, dass zum Beispiel an der Johannes Kepler Universität in Linz bereits mehr Frauen als Männer an der Sozialwissenschaftlichen und Rechtswissenschaftlichen Fakultät ein Diplomstudium beginnen. Der nächste große akademische Meilenstein, die Dissertation, nehmen bereits weitaus weniger Frauen als Männer in Angriff. Ein weiterer Grund dafür ist, dass Diskriminierung in unserer Gesellschaft noch immer an der Tagesordnung steht, auch an der Universität.

Chancengleichheit

Benachteiligung von Frauen ist nicht nur an den Universitäten zu finden, sondern in allen Gesellschaftsbereichen. Auch Frauen mit einem Studienabschluss gelingt es deutlich seltener als Männern, ihre Ausbildung in entsprechende berufliche Positionen umzusetzen. Während 23% der Männer, die eine Hochschule oder eine ähnliche Ausbildung abgeschlossen haben, eine leitende bzw. führende Tätigkeit ausüben, ist dies nur 7% der Frauen möglich.

Hauptproblem: Einkommensunterschiede

Eine der zentralen Forderungen für Gleichberechtigung ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit, unabhängig von Geschlecht. Das Einkommensminus von Frauen gegenüber den Männern bei den unter 30-jährigen beträgt knapp 20%, bei den Altersgruppen von 30 bis 39 sind es bereits 32%. Gründe dafür sind Unterbrechung der Erwerbsarbeit wegen Kinderbetreuung, Schwierigkeiten beim beruflichen Wiedereinstieg und die nominale und ungleiche Bezahlung.

Frauen: Kein Thema

Auch in der Wissenschaft selbst sind Frauen oft unsichtbar, sowohl als Forscherinnen als auch als Erforschte. Eine Studie zu dem Thema „Frauen in der BWL“ untersuchte, ob und wie sich Lehrende mit geschlechtsspezifischen Aspekten der Betriebswirtschaftslehre auseinandersetzen. Das Ergebnis schockiert: Lediglich 17% der Befragten gaben an, in ihren Vorlesungen genderspezifische Fragestellungen wie Chancengleichheit, Frauenförderung im Arbeitsleben oder Einkommensunterschiede zu behandeln.

 

Auftrag: Geschlecht lernen – Geschlecht lehren

Eine der hochschulpolitischen Herausforderungen stellt demzufolge die Tatsache dar, dass Geschlecht in einem ersten Schritt von den Lehrenden gelernt und in einem zweiten Schritt gelehrt werden muss. Dabei handelt es sich bei der Anforderung an die Lehrenden Geschlecht zu lernen darum, dass sie sich der Relevanz von Geschlecht in ihrer speziellen Wissenschaftsdisziplin bewusst werden müssen.

„Die meisten Professoren und Professorinnen sind jedoch der Meinung, dass Geschlecht [...] in ihrem Forschungsfeld und in ihrer Lehre keine Rolle spielt [...]“[2]

Bei dieser Nichtwahrnehmung von der Relevanz von Geschlecht für den wissenschaftlichen Diskurs kann von Geschlechterblindheit gesprochen werden. Doch wie gilt es diese zu überwinden? An dieser Stelle gilt es dem Konzept des „Gender Mainstreaming“ einen Moment zu widmen.

 

Gender Mainstreaming – Konzept zur Herstellung der Geschlechtergleichheit

Das Konzept des Gender Mainstreaming wurde 1997 im Amsterdamer Vertrag verankert und ist für alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union verpflichtend.

„Bei Gender Mainstreaming handelt es sich um den europäischen Auftrag, die Chancengleichheit der Geschlechter in allen Institutionen durchzusetzen.“[3]

Konkret sieht das Konzept des Gender Mainstreaming vor, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Männern und Frauen von vornherein bei allen gesellschaftlichen Vorhaben zu berücksichtigen. Weiters wird durch Gender Mainstreaming, neben der Institution der Gleichbehandlungsbeauftragten und der konkreten Frauenförderung, auch die Möglichkeit geboten, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt. Ziel muss es somit sein, dass bei allen Entscheidungsprozessen, im Sinne einer Gleichberechtigung der Geschlechter, die Perspektive der Geschlechterverhältnisse miteinbezogen werden.

Institutionalisierte Chancengleichheit an den Universitäten

Der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen (AKG) ist eine Institution an österreichischen Universitäten um Diskriminierungen auf Grund des Geschlechtes durch Organe der Universität entgegenzuwirken  und Betroffenen Hilfestellung zu bieten. Nach dem Universitätsgesetz 2002 und den Frauenförderungsplänen der Universitäten ist der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen unabhängig und weisungsfrei. Weiters  zählen zu den Aufgaben der Mitarbeiterinnen des AKG die Ausübung der Informations-, Mitwirkungs- und Kontrollrechte in Gleichbehandlungsfragen und in Personalangelegenheiten. Der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen dient als Anlaufstelle für alle Angehörigen der Universität. Bei begründetem Verdacht einer geschlechtsspezifischen Ungleichbehandlung besteht das Recht, Einspruch gegen die anstehende Entscheidung zu erheben beziehungsweise die Schiedskommission der Universität anrufen. Einen weiteren wichtigen Arbeitsschwerpunkt stellt die Erstellung und Umsetzung von frauenfördernden Maßnahmen dar.

Strategien einer geschlechtersensiblen Lehre

Eines der wichtigsten Mittel, das Lehrende an den Universitäten zur Verfügung steht, ist die Sprache. Somit trägt der Sprachgebrauch der Professorinnen und Professoren zur Sozialisierung im Hörsaal bei und schafft gleichzeitig eine (neue) Wirklichkeit. Um der Anforderung einer geschlechterkompetenten Lehre zu entsprechen, müssen die Vortragenden eine geschlechtergerechte Sprache verwenden.

„Eine solche Sprache zeugt nicht nur von didaktischer Kompetenz, sondern sie ist auch ein Signal für die Universität, in der neue, nicht diskriminierende Verhältnisse zwischen Lehrenden und Lernenden hergestellt werden.“[4]

Mit der Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache werden beide Geschlechter sichtbar und hörbar gemacht. Beispiele hierfür sind geschlechterdifferenzierend erstellte Literaturlisten und Statistiken. Überdies hinaus sollen die zur Veranschaulichung verwendeten Beispiele während eines Vortrages darauf überprüft werden, welche Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen damit verdeutlicht und verfestigt werden.

„In der geschlechterkompetenten Lehre ist es wichtig, Begriffe kritisch zu hinterfragen. Studierende müssen hinter die 'Fassaden eines Begriffs` sehen können.“[5]

Die Konzeption einer geschlechterkompetenten Lehre sieht auch vor, auf Leistungen von Frauen und Wissenschaftlerinnen hinzuweisen. Studierende sollen in gleicher Weise gefördert werden und es soll ihnen in gleicher Weise viel zugetraut werden. Einen wichtigen Punkt stellt auch die Sachlichkeit der Lehre dar. Der persönliche Kontakt zwischen Studierenden und Lehrenden ist zwar wichtig ist, der Umgang sollte jedoch so sachlich wie möglich gestaltet sein.

 

Ausblick

 

“Universitäten waren und sind Orte freien Denkens und bedingt auch Orte des freien Handelns. Aber sie sind gleichzeitig Orte von Macht und Herrschaft wie Ohnmacht und des Ausschlusses.“[6]

Wie die Geschichte zeigt, war der Zugang zu Universitäten für Frauen lange nicht möglich. Mit der Frauen- und Geschlechterforschung wurde der Genderdiskurs in die Universitätslehre eingeführt. Diese Konzeption der Genderlehre ruft dazu auf, Gewohntes zu hinterfragen, Machtstrukturen zu beleuchten und aufzubrechen.

Es ist an der Zeit, den geschlechtersensiblen Fokus in allen wissenschaftlichen Disziplinen zu verankern und die bestehende männliche Norm zu hinterfragen. Diese Verankerung ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Chancengleichheit auf österreichischen Universitäten. Es gilt die Zahlen der Frauen der Wissenschaft durch aktive frauenfördernde Maßnahmen zu erhöhen. Eine geschlechterkompetente Lehre muss sich an österreichischen Universitäten institutionalisieren, um bestehende Machtstrukturen zu erkennen und zu durchbrechen. Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen soll nicht länger eine leere Worthülse bleiben, sondern durch eine aktive Veränderungen bestehender Herrschaftsverhältnisse eingefordert und umgesetzt werden.

 

Quellenangaben:

Geschlecht lernen: Gendersensible Didaktik und Pädagogik von Maria Buchmayr (Herausgeberin)

Deutsche Forschungsgemeinschaft: Scherendiagramm „Frauen- und Männeranteile im akademischen Qualifiaktionsverlauf“

www.gender-mainstreaming.net

Mikrozensus 2003, Wien 2005

 

 


[1]   DFG 2004 (Deutsche Forschungsgemeinschaft: Scherendiagramm „Frauen- und Männeranteile im akademischen Qualifiaktionsverlauf“.)

[2]   Geschlecht lernen – Gendersensible Didaktik und Pädagogik

[3]   Geschlecht lernen – Gendersensible Didaktik und Pädagogik

[4]   Geschlecht lernen – Gendersensible Didaktik und Pädagogik

[5]   Geschlecht lernen – Gendersensible Didaktik und Pädagogik

[6] Geschlecht lernen – Gendersensible Didaktik und Pädagogik

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