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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Sexualitätsdiskurse innerhalb der Frauenbewegungen und feministischer Kontexte
Sexualität war Schwerpunktthema innerhalb der ersten und zweiten Frauenbewegung und ist auch im vorhandenen feministischen Diskurs nicht wegzudenken, obwohl sich Forderungen und Themen zum Teil erheblich gewandelt, zum Teil die Selben geblieben sind. Sexuelle Unterdrückung kann als Ausgangspunkt feministischer Theorie sogar als Verbindungselement zwischen neuen und alten frauenbewegten Feministinnen genannt werden.
Die ersten feministischen Sexualitätsdebatten
Um 1900 waren im Themenbereich weiblicher Sexualität vor allem die Diskussionen um Prostitution wichtig. In damaligen Bordellen waren zwischen fünf und zwanzig Frauen, die unter ökonomischem und körperlichem Zwang arbeiteten. Mit der Argumentation der Geschelchtskrankenheiten wurden Prostituierte von der Sittenpolizei sehr repressiv kontrolliert. Aus diesem Grund und der Erkenntnis dass Prostitution sich gegen alle Frauen richtet, wandten sich die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung gegen die staatliche Kontrolle. Gleichzeitig wurde von nicht-bürgerlichen Frauen der Zusammenhang zwischen Prostitution, ökonomischen Verhältnissen und der herrschenden bürgerlichen Sexualmoral hervorgestrichen. Irma von Troll-Borostyáni, eine der ersten österreichischen Vorkämpferinnen für Frauenrechte, erklärte die männliche Sicht auf Prostitution 1893 so:
„Denn (...) Raub, Mord und Prostitution verstoßen gegen das Sittengesetz, da jedoch nur Männer von den beiden ersten Verbrechen bedroht sind, während sie niemals die Opfer, sondern nur die Nutznießer von Prostitution sein würden, würde es keinen Kampf gegen Prostitution gegeben, sondern eine männliche Kontrolle über dieses – in Form von Reglementierungen“
Nach dem 1. Weltkrieg wandelte sich die Debatte in eine Diskussion um die Legalisierung von Abtreibung, die vor allem von sozialdemokratischen Abgeordneten in der ersten Republik vorangetrieben wurde. Die Frauenbewegungen wurden von den autonomen Gruppen mehr zu den Frauen innerhalb der Institutionen verlagert.
Trotzdem erlebten Politikerinnen gerade in der Frage der Abtreibung eine Ghettoisierung der Feministinnen innerhalb ihrer Parteien. Die Argumentation gegen den § 144 prägte den Diskurs nach dem ersten Weltkrieg, wobei die Politikerinnen von ihrer anfangs geforderten Abschaffung des Abtreibungsparagraphen bis zur Fristenlösung in den 1970er Jahren hinunterstiegen. Mit der Abtreibungsdebatte verflochten war die Debatte um die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. Adelheid Popp, bekannt durch ihr Buch über das Leben einer jungen Arbeiterin, sprach zum ersten Mal vom Selbstbestimmungsrecht, als sie „die Frauen aufforderte, sich von den 'Herren im Nationalrat' nicht vorschreiben zu lassen, 'Was mit ihrem Körper geschieht'“.
Während dem NS-Regime geriet der feministische Diskurs ins Stocken. Das vermittelte Frauenbild wurde entsexualisiert, weibliche Lust als nicht-existent konstatiert.
Nach dem Ende des Faschismus kam es nicht wie nach dem ersten Weltkrieg zu einer starken Wiederaufnahme feministischer Arbeit. Es sollte bis in die 1970er Jahre dauern, bis Sexualitäten in der österreichischen Öffentlichkeit wieder möglich waren.
neue Bewegung – neue Debatten
Mit der zweiten Frauenbewegung verschob sich der Einsatz von Feministinnen zugunsten autonomer Gruppierungen von der instutionellen Frauenpoltik weg. Mit neuen Werkzeugen wie die Vernetzung in reinen Frauenräumen oder die Gründung eigener Medien und Bibliotheken, versuchte die Bewegung neue Wege zu finden, so wie sie die sexualisierten Tabus der Gesellschaft aufbrach.
Mit dem Credo „Das Private ist politisch“ setzten sie tief an den Wurzeln von bürgerlich-patriarchalen Zweierbeziehungen an und thematisierten Sexualität wie noch nie zuvor. Der öffentliche Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen gilt im ganzen deutschsprachigen Raum als Startschuss der zweiten Frauenbewegung. Mit dem Eindringen in die vormals privaten Räume kam die Beschäftigung mit sexualisierter Gewalt, aber auch mit Schwangerschaftsverhütung. Die Diskussion über eine spezifische weibliche Lust beinhaltete das Begreifen der Frauen als lustfühlende Inidividuen, die Aufklärung über den Mythos des vaginalen Orgasmus, weibliche Homosexualität, aber auch ein Aufflammen der Debatte um Prostitution.
Diese starke Hinwendung zu Theorien über eine selbstbestimmte weibliche Sexualität ließ die Frauen reine heterosexuelle Vorstellungen einer romantischen Liebe über Bord werfen.
Feministische Diskurse nach der zweiten Frauenbewegung
Seit dem Beginn der zweiten Frauenbewegung bis heute haben sich die Schwerpunkte geändert. Die Diskussion um sexualisierte Gewalt hat an der Gesellschaft gerüttelt und Institutionen wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Nottelefone aus dem Boden gestampft – mit ihrer Gründung verlor das Thema aber auch an gesellschaftlicher Bedeutung und mittlerweile kämpfen nicht wenige dieser Einrichtungen um ihr überleben.
Der Themenbereich, und damit auch die Ansichten zu Pornographie haben sich mit dem Ausbau von neuen Medien stark erweitert: auf der einen Seite bieten Internetportale kostenlosen Zugang zu oft sehr problematischen pornographischen Filmen, andererseits gibt es erste Versuche von „für Frauen von Frauen“ gedrehten Filmen, die Sexualität ohne die sonst üblichen frauenverachtenden Machtgefällen abbilden sollen.
Ähnlich verzwickt ist die Debatte um eine Kriminalisierung oder eine Entkriminalisierung von Prostitution. Eine Kriminalisierung nach schwedischem Modell halten einige für den falschen Weg, da sie Frauen in illegale Arbeitsverhältnisse drängt, während ein legales System wie in Deutschland, die Möglichkeit nach einem geregelten Arbeitsverhältnis mit sozialer Absicherung bietet, Prostitution aber salonfähig macht und Migrantinnen weiter ungeschützt lässt.
Selbstbestimmte Sexualität vs. weibliche Sozialisation
Der Begriff der selbstbestimmten Sexualität ist ein sehr offener und meint vor allem einen möglichst freien Umgang mit dem eigenen Körper und den eigenen Lustempfindungen. Wie eigene Sexualität wahrgenommen wird, hängt von der jeweiligen Sozialisation während der Kindheit und während des gesamten Lebens ab. Die sexuelle Identität steht in enger Verbindung zur weiblichen Identität von Frauen. Stark prägend für die sexuelle Entwicklung von Frauen ist der Umgang mit ihnen als Mädchen und die schon sehr früh wahrgenommen unterschiedlichen Wertigkeiten der Geschlechter.
Wichtig ist hierbei nicht nur der Umgang mit den Mädchen selbst – für wie bedeutsam das Geschlecht eines Kindes gehalten wird - , sondern auch, welche Wertigkeit die Frauen in der Umgebung einnehmen, wie zärtliches oder sexuelles Verhalten zwischen Vorbildern für das Mädchen wahrnehmbar ist aber auch die Möglichkeiten den eigenen Körper ohne bewusste oder unbewusste Drohungen zu erforschen.
Sexualität soll möglichst von Mädchen fern gehalten werden, einzig die Warnung vor dem „bösen schwarzen Mann“ spukt in dem Köpfen der Mädchen herum und erzeugt Angst vor etwas nicht definiertem. Elterliches und gesellschaftliches Schweigen zu Sexualität nährt die Vorstellung einer schmutzigen, geheimen Tätigkeit. Über verschiedenste Mechanismen wie Spielzeuge, Aussagen des nahen Umfelds, schulische Aufklärung und den geschlechtsspezifschen Umgang mit Mädchen, wird die Rolle einer braven, leisen Frau mit einer passiven Sexualität einzementiert, die auf die wahre Liebe wartet und sich ohnehin nicht vor männlichen Übergriffen wehren kann.
Selbstbestimmte Sexualität versucht alle diese eintrainierten Verhaltensmuster zu durchbrechen und Frauen von Ängsten vor ihrem eigenen Körper und ihrer Sexualität zu befreien, um herauszufinden, welche die eigenen Vorstellungen und Wünsche wirklich sind.
Weibliche Sexualität abseits heterosexueller Normen
Weibliche nicht-heteroforme Sexualität wird in verschiedenen Kulturkreisen und Jahrzehnten sehr unterschiedlich diskutiert. Im europäischen Raum wurde weibliche Homosexualität um 1900 neben einer sexuellen Ausrichtung zu einem Lebensraum mit eigenen Räumlichkeiten, Zeitungen, Literatur und Kunst. Männliche Homosexualität war fast in ganz Europa strafverfolgt, weibliche Homosexualität juristisch inexistent.
Auch nach der NS-Zeit, die die LesBiSchwule Bewegung um Jahrzehnte zurückwarf, änderte sich wenig an der Wahrnehmung weiblicher und männlicher Homosexualität: die männliche Homosexualität galt als gefährlich und ekelig, die weibliche Homosexualität als unwichtig und vernachlässigbar. Diese Haltung spiegelt sich immer noch in Kommentaren wieder die „lesbische Frauen eh geil finden, sich männliche Homosexualität aber gar nicht vorstellen können“.
Literarische Beschreibungen lesbischer Sexualität sind bis heute auf die Nachahmung heterosexueller Stellungen oder auf den Gebrauch von Penis-Ersätzen beschränkt. Auch die Vorstellung einer Liebesbeziehung ist trotz massiven LesBiSchwulenTrans* Bewegungen darauf beschränkt, nach heterosexuellen Vorbild einen männlichen und einen weiblichen Part zu suchen. Weibliche Homosexualität wird als eine „unzureichende Sexualität“ dargestellt, sie wird als kindische Spielerei bezeichnet oder zu Luststeigerung von Männern verwendet, um die männliche Herrschaft über weibliche Körper nicht ins Wanken zu bringen.
Die Erfindung der Krankheit Homosexualität Ende des 19. Jahrhunderts stigmatisiert bis heute nicht-heterosexuelle Menschen. Auch innerhalb der Frauenbewegungen werden nicht-heterosexuelle Frauen als Randgruppe gesehen und werden, wie Constance Ohms dies formuliert, unsichtbar gemacht:
„Es gab Zeiten, in denen offen und mit aller Gewalt versucht wurde, diese (lesbische Frauen) zu vernichten; heute geschieht dies vorwiegend durch Ignorieren und Unsichtbarmachen.(...) Das Unsichtbarmachen ist eines der wirkvollsten Mittel, die das Patriarchat gegen andere Lebensformen einsetzen kann“
Wer wann mit wem schlafen will oder auch nicht, ist jedem/jeder einzelnen selbst überlassen. Sexualität muss offen sein und kann weder an Geschlechterrollen, noch an der Geschlechteridentiät, der sexuellen Identität, den sexuellen Wünschen oder Praktiken festgemacht werden.
Lesbische Feministinnen haben deswegen immer wieder auf wissenschaftlichen Heterozentrismus hingewiesen, denn nach Ohms ist „der zweite Stützpfeiler des Patriarchats, der gesellschaftliche Zwang zur Heterosexualität.“
Die Schattenseiten weiblicher Sexualität – sexualisierte Gewalt
Sexualisierte Gewalt ist kein zufälliges Phänomen sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses, das jede zweite bis dritte Frau in ihrem Leben am eigenen Körper spürt und sie für immer im Umgang mit ihrer Sexualität verändert. Trotz der Kämpfe in den 1970er und 1980er Jahren bleibt sexualisierte Gewalt ein oft verschwiegenes Thema, wohl auch weil sie entgegen der weiblichen Sozialisation nicht in dunklen Parks, sondern im sozialen Nahraum passiert.
Gerade weil sexualisierte Gewalt oft verschwiegen wird, ist es wichtig einen geeigneten Umgang damit zu finden. Ein geeigneter Umgang bedeutet die Definitionsmacht des Geschehenen bei der Frau zu belassen, deren Grenzen überschritten wurden, aber auch die Solidarisierung mit ihr und die klare Positionierung gegen den Täter sind deshalb dringend notwendig.
Quellen:
Julia Neissl, Tabu im Diskurs. Sexualität in Texten österreichischer Autorinnen. Innsbruck-Wien-München: StudienVerlag, 2001.
Beatrix Gromus, Weibliche phantasien und Sexualität, München: Quintessenz, 1993.
Constance Ohms (Hg.), Mehr als das Herz gebrochen. Gewalt in lesbischen Beziehungen; Berlin, Orlanda Frauenverlag, 1993
Irma Troll-Barostyani veröffentlichte 1893 das Werk: Die Prostitution vor dem Gesetz - ein Apell an das deutsche Volk und seine Vertreter
zum Weiterlesen:
Andrea Bührmann: Arbeit, Sozialisation, Sexualität: zentrale Felder der Frauen- und Geschlechterforschung, Opladen, 2000
Sheila Jeffreys, Ketzerinnen. Lesbischer Feminismus und die lesbisch-sexuelle Revolution, Verlag: Frauenoffensive, 2001
Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2000

