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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Am Anfang war Anna Frey
von Maria Maltschnig
Die sozialistische StudentInnenbewegung feiert 2009 ihr 120-jähriges Bestehen. Auf den ersten Blick ist die Geschichte dieser Bewegung, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, die Geschichte sozialistischer Studenten. Wenn man/frau jedoch einen genaueren Blick in die Archive riskiert, finden sich dort die Namen einiger mutiger Frauen, die bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts führende Funktionen in der sozialistischen Studierendenvereinigung übernahmen.
Die beiden Weltkriege und der Austrofaschismus brachten die Aktivitäten der Sozialistischen StudentInnen an den Universitäten nahezu zum Erliegen. 1945 wurde der VSStÖ wieder gegründet und ist heute die aktivste bundesweit agierende Studierendenorganisation in Österreich. In der turbulenten Zeit rund um das Jahr 1968 und das Erstarken der Frauenbewegung finden sich Frauen in Spitzenfunktionen und feministische Aktivitäten des VSStÖ nur sehr spärlich. Seit Ende der 1990er Jahre nimmt der Verband seinen feministischen Anspruch bemerkbar wahr, was sich sowohl in der strukturellen Frauenförderung innerhalb des VSStÖ als auch in der externen und internen Auseinandersetzung mit feministischen Themen widerspiegelt.
Die Anfänge der sozialistischen StudentInnenbewegung
1889 formierte sich erstmals in Wien eine Gruppe sozialistischer Studenten (Frauen gab es an den Universitäten noch keine), die sich gegen den zunehmenden antisemitischen Zeitgeist an den Hochschulen richtete. Schon nach kurzer Zeit wurde der „Österreichische Studentenverein“ polizeilich aufgelöst, da ihm Verbindungen zu englischen und italienischen Arbeitervereinen und sozialistischen Führern in Wien nachgewiesen wurde. 1893 wurde die „Freie Vereinigung“, ein Diskussionszirkel unter der Führung von Max Adler gegründet, der sich als „Bildungsstätte für den Sozialismus“ verstand.
Zu Semesterbeginn im Wintersemester 1897, bei einer Diskussionsveranstaltung der Freien Vereinigung, wurden unter lebhaftem Beifall erstmals Studentinnen vom damaligen Vereinsobmann begrüßt. Vierzehn Jahre später, die Freie Vereinigung hieß nun „Freie Vereinigung sozialistischer Studenten“, befanden sich bereits drei Frauen im Vorstand.
Die Sozialistischen StudentInnen im ersten Weltkrieg
Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges mussten auch viele sozialistische Studenten den Kriegsdienst antreten. Die Zahl der weiblichen InskribentInnen stieg stark an, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Freie Vereinigung sozialistischer Studenten in dieser Zeit durch einen starken Frauenüberhang gekennzeichnet war. Eine kleine Gruppe von Studentinnen, unter ihnen Käthe Pick und Elfriede Eisler wurden im „Akademischen Frauenverein“ aktiv, der ein Gegengewicht zu den deutschnationalen und katholischen Studentinnenvereinen bilden sollte. Es wurden dort theoretische feministische Werke, aber auch gesamtgesellschaftliche Fragestellungen diskutiert.
1917 gab es schließlich mit Anna Frey, geborene Schlesinger, den ersten weiblichen „Obmann“ der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten. In der Vereinigung bildeten sich zu dieser Zeit zwei Fraktionen heraus. Die „linke“ Fraktion, angeführt von Anna Frey, sprach sich für die Konzentration der Vereinigung auf die Bildungsarbeit für die ArbeiterInnen aus, während sich die „linksradikale“ Fraktion unter Franz Koritschoner und Elfriede Eisler für die alleinige Konzentration auf die Mitwirkung der Vereinigung bei den revolutionären Aktivitäten der ArbeiterInnenklasse eintrat. Letztere gewannen den Fraktionsstreit und so wurde bereits 1918 Anna Frey von Elfriede Friedländer-Eisler als „Obmann“ abgelöst.
Turbulente Zeiten
1918 wurde die Freie Vereinigung sozialistischer Studenten polizeilich aufgelöst, da sich einige Mitglieder aktiv am Jännerstreik 1918 beteiligten. Zuvor kam die Vereinigung schon durch das Attentat von Friedrich Adler ins Kreuzfeuer der Staatsgewalt. Im selben Jahr wurde von Max Adler, Käthe Pick (später Leichter) und Otto Leichter die „Sozialdemokratische Studenten und Akademikervereinigung“ (SSAV) ins Leben gerufen. Die Rückkehr der Männer von der Front nach dem zweiten Weltkrieg war das Ende der Frauen an der Spitze der Sozialistischen StudentInnen.
Im Februar 1924 wurde die SSAV mit allen anderen Gruppen sozialdemokratischer StudentInnen zum „Verband Sozialistischer Studenten Österreichs“ (VSStÖ) zusammengeschlossen. Unmittelbar nach den Ereignissen des 12. Februar 1934 wurde der VSStÖ vom austrofaschistischen Regime aufgelöst, das Vereinsvermögen beschlagnahmt und einige Verbandsmitglieder in Anhaltelager verschleppt und ermordet. Aktivitäten gab es bis zu der Wiedergründung des VSStÖ, 1945, nur im Untergrund. In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg finden sich in der Literatur kaum Hinweise auf ein frauenpolitisches Engagement. Auch in den Führungsfunktionen des Verbandes waren kaum Frauen zu finden.
Das Jahr 1968 und die Diskussion um die Fristenlösung
Die europaweite Aufbruchstimmung um das Jahr 1968 schwappte in abgemilderter Form auch nach Österreich über. Der VSStÖ beschäftigte sich in dieser Zeit mit der Kritischen Theorie und in diesem Zusammenhang mit der Tabuisierung der Sexualität in der Gesellschaft. Zu diesem Thema hielt der Verband ein Symposium ab und veröffentlichte ein eigenes Buch mit dem Titel „Sexualität ist nicht pervers“. Es ist anzunehmen, dass das Bestreben nach einer – auch sexuell – offeneren Gesellschaft, wie in der gesamten 68er Bewegung, auch hier starke machoide Züge annahm. Der VSStÖ forderte damals beispielsweise die „Legalisierung von Bordellen und Callgirlringen um Chefredakteuren von Kirchenzeitungen und (...) Sittlichkeitsmuffeln (...) entnotorisierende Triebabfuhr zu gewährleisten.“ Dies und die männlich dominierte Struktur im VSStÖ führte verständlicherweise dazu, dass nicht wenige VSStÖ Frauen den Verband verließen und sich der autonomen Frauenbewegung anschlossen.
Anfang der 1970er Jahre brachte sich der VSStÖ intensiv in die Debatte um die Fristenlösung ein. Wurde auf der Bundeskonferenz 1972 in Linz noch die Abtreibung auf Krankenschein in Verbindung einer Fristenlösung gefordert, brachte der VSStÖ im selben Jahr am „Ideologieparteitag“ der SPÖ in Villach die Forderung nach der ersatzlosen Streichung des Paragrafen 144 ein, was eine völlige Straffreiheit der Schwangerschaftsunterbrechung, ohne Fristen, bedeutet hätte. Auf diesem Parteitag setzten sich schließlich die SPÖ Frauen gegen Bruno Kreisky durch – die Fristenlösung wurde beschlossen.
Das Erstarken der Frauen im VSStÖ bis heute
Im Jahr 1995 fiel eine konservative, männliche Domäne in der Österreichischen Hochschullandschaft. In diesem Jahr verloren die konservativen, ÖVP-nahen Vereinigungen die Mehrheit bei den ÖH Wahlen. Es konstituierte sich eine Regenbogenkoalition, deren Vorsitzende die VSStÖ Spitzenkandidatin Agnes Berlakovic wurde. Sie war die erste Frau an der Spitze der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Als 2001 die linken Studierendenfraktionen einen Erdrutschsieg bei den Wahlen errangen, wurde mit Andrea Mautz erneut eine Frau aus dem VSStÖ an die Spitze der ÖH gewählt. Während des siebenjährigen Verbleibes des VSStÖ in der ÖH Bundesvertretung änderte sich an der Maxime, dass eine Frau die VSStÖ Fraktion anführt, nichts. Auch der Verbandsvorsitz wechselte erstmals nach Elfriede Friedländer-Eisler 1989 wieder in weibliche Hände und ist es mit wenigen Unterbrechungen bis heute geblieben.
Das Selbstverständnis des VSStÖ als feministischer Verband
Der VSStÖ bekennt sich heute dazu ein feministischer Verband zu sein. Wir erkennen die strukturelle Unterdrückung der Frauen im Gesellschaftssystem und sind davon überzeugt, dass Sozialismus ohne Feminismus nicht möglich ist. Deshalb treten wir heute stärker denn je mit feministischen Themen nach außen und leisten innerhalb unseres Verbandes strukturelle Arbeit. Wir betreiben aktive Frauenförderung und zeigen dies auch nach außen.
Die Tatsache, dass Spitzenpositionen im VSStÖ, insbesondere der Bundesvorsitz und die bundesweite Spitzenkandidatin zu den ÖH Wahlen, seit mehreren Jahren ausschließlich durch Frauen besetzt werden, ist eine bewusste Entscheidung. Es ist uns wichtig jungen Frauen die Möglichkeit zu bieten Führungsfunktionen zu bekleiden. Darüber hinaus ist es essenziell, dass so lange das politische und wissenschaftliche Parkett männlich dominiert ist, zumindest der VSStÖ ein Gegengewicht zu dem patriarchalen Mainstream bietet. Ein Blick in das Statut zeigt auch, dass die beiden höchsten Verbandsgremien, die Bundeskonferenz und der Bundesvorstand, eine Frauenquote verlangen. Die Frauen des VSStÖ stärken und vernetzen sich sowohl in den Sektionen als auch bundesweit über Frauenarbeitsgruppen.
Eine der größten Errungenschaften in der feministischen Verbandspolitik ist die Einrichtung einer bundesweiten Frauensprecherin im VSStÖ. Hier sind wir definitiv nicht am Ende der Geschichte angelangt. Feministische Arbeit erfordert Kontinuität und viel Energie, die wir auch den Frauen kommender VSStÖ Generationen wünschen.

