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Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
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Frauenbefreiung und Sozialismus zwischen Theorie und Praxis

von Eva Maltschnig

Warum wir den Feminismus ökonomisch begründen müssen und Herrschaftsverhältnisse nicht nur Produktionsverhältnisse, sondern auch unser tägliches politisches Umfeld sind.

 

Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch von der Frauenunterdrückung schweigen – Max Horkheimer frei umgedichtet könnte der Leitspruch von sozialistischen Feministinnen sein. Oder doch feministische Sozialistinnen? Hier tobt ein Bedeutungskrieg, den die Linke oft wie einen Verwandtschaftsstreit behandelt – Sozialismus und Feminismus wollen das gleiche, zanken sich aber um den Vorsitz an der Tafel.

Es ist ein Kampf um die Rangfolge der Befreiungskämpfe – wer ist zuerst dran, Arbeiter oder Frauen? Die Geschichte der sozialistischen Bewegung zeigt eine vehemente Gegnerschaft zu sozialistischen Feminismen, die sich in vielen Debatten und Streits geäußert hat. Zwei davon möchte ich näher beschreiben: Clara Zetkin kämpfte 1889 für das Recht der Frau auf Arbeit – vor Genossen. Helke Sander forderte 1969  feministische Praxis im politischen Leben – von Genossen.

Nach der Nicht-Beachtung von Sanders Rede warf Sigrid Rüger schließlich eine Tomate auf einen der großen Ideologen am Tagespräsidium, und ihr Angriff versinnbildlicht die kritische Zerlegung marxistischer Theorien, die in den 1970er und 1980er Jahren von feministischer Seite stattgefunden hat. Heute grenzt die sozialistischen Feministinnen von ihren Kolleginnen die Überzeugung ab, Produktionsverhältnisse und Geschlechterverhältnisse bedingen einander und der Kapitalismus mache durch seinen Ausbeutungsmechanismus ein freies, solidarisches und emanzipiertes Leben unmöglich. Gleichzeitig teilen sie aber mit ihnen die Auffassung, dass patriarchale Herrschaftsverhältnisse auch über Staat, kulturelle und soziale Praxen vermittelt werden. Dieser Feminismus steht auf starken ökonomischen Beinen – daraus ergeben sich wichtige Themenbereiche: Frauen und Arbeit, Frauen und Reproduktionsbedingungen.

 

Karl Marx und die Analyse gesellschaftlicher Ausbeutungsverhältnisse.

Die sozialistischen Feministinnen beziehen sich auf die Gesellschaftsanalyse von Karl Marx, die im kapitalistischen Wirtschaftssystem strukturelle Ausbeutung der ArbeiterInnen feststellt. Das System funktioniert folgender Maßen: Zuerst nehme frau/man „doppelt freie“ ArbeiterInnen. Doppelt frei heißt, sie können über ihre eigene Arbeitskraft verfügen, sind also keine Leibeigenen. Andererseits sind sie „frei“ von Produktionsmitteln – besitzen kein Vermögen, keine Fabriken, keinen Grund und auch keinen Schrebergarten, das heißt, sie müssen gegen Lohn arbeiten.

Das muss der/die KapitalistIn nicht, diese gesellschaftliche Klasse verfügt nämlich über Produktionsmittel – also Fabriken, Maschinen und so weiter. Die KapitalistInnen kaufen sich Arbeitskräfte, zum Beispiel um € 10 pro ArbeiterIn pro Tag. Das ist der Tauschwert der Arbeitskraft, aber ihr Gebrauchswert ist die Arbeit selbst, die in der/dem Arbeitenden steckt. Um € 10 erwirbt der/die KapitalistIn also eine Person, die an einem Tag z.B. 10 Stunden arbeitet. Und das rentiert sich, wenn pro Tag durch Arbeit mehr als € 10 an Profit pro Arbeitsplatz rausschaut. Wenn einE Arbeitende pro Tag € 20 erwirtschaftet, bleiben dem/der KapitalistIn abzüglich des Tageslohns an den/die ArbeiterIn € 10 Mehrwert übrig, der aus dem Arbeitsprozess entsteht.

Ich fasse den kapitalistischen Produktionsprozess zusammen: Der Besitz von Produktionsmitteln der KapitalistInnenklasse und die Existenz von doppelt freien ArbeiterInnen erzwingt einen Arbeitsprozess, in dem durch den unterschiedlichen Tausch- und Gebrauchswert der Arbeitskraft für den/die KapitalistIn Mehrwert erzeugt wird, und das ist die systematische Ausbeutung der ArbeiterInnen im Kapitalismus – der von ihnen geschaffene Wert gehört am Ende den KapitalistInnen.[1]

 

Kapitalismus oder Patriarchat?

Marx analysiert die Produktionsbedingungen ohne einen Augenmerk auf Geschlechterverhältnisse zu legen. Eine Meinung zur Frauenemanzipation hatten Marx und Engels aber trotzdem: Laut Frigga Haug orientieren sich Marx und Engels in ihren Schriften an „herrschaftsfreien Mann-Frau-Beziehungen, die sie im Fundament ihres gesellschaftlichen Emanzipationsprojekts verankern“. Diese Gesellschaftsvorstellung sieht folglich auch in der proletarischen Familie alle Herrschaftsverhältnisse aufgehoben, laut Marx und Engels werde im Kommunismus das Verhältnis zwischen den Geschlechtern „zu einem reinen Privatverhältnis […] worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet.“

Für Marx und Engels zwingt das Privateigentum in männlichen Händen die Frauen als unbezahlte Reproduktionskraft in die Rolle der Sklavin des Mannes. Ist das Privateigentum erst aufgehoben und die Gesellschaft revolutioniert, ist auch das Patriachat passé.

 

Haupt- und Nebenwiderspruch

Der kausale Zusammenhang zwischen der Befreiung der ArbeiterInnenklasse und Befreiung der Frau führte in der sozialistischen Bewegung dazu, dass der Feminismus als netter Spleen gesehen wurde, der mit der sozialistischen Revolution jedoch ohnehin obsolet wäre und daher auch jetzt keiner politischen Aufmerksamkeit bedürfe beziehungsweise mit seinen Forderungen auf jeden Fall auf die sozialistische Gesellschaft warten müsse. Durch diese zeitliche und dadurch auch wertende Nacheinanderreihung der „Befreiungen“ erwuchs die Begrifflichkeit des Hauptwiderspruchs (Kapitalismus) und Nebenwiderspruchs (Frauenunterdrückung, Rassismus, Antisemitismus etc).

Die vehemente Frauenfeindlichkeit und antifeministische Einstellung der „Arbeiterbewegung“ kann aber nicht vollständig nur aus dieser Theorie hergeleitet werden, denn auch Bücher sind immer Abbild von gesellschaftlichen Strukturen, und die waren zu Marx und Engels Zeiten natürlich ebenso patriarchalisch wie überall sonst. Anschließend möchte ich zwei Beispiele zur fehlenden feministische Praxis im gesellschaftlichen Emanzipationsprojekt „Arbeiterbewegung“ und die dazugehörigen Kämpferinnen vorstellen.

 

Clara Zetkin – Frauenarbeit und Frauenbefreiung

„Für die Befreiung der Frau“ – so heißt die Rede von Clara Zetkin, einer der bekanntesten frühen Frauenkämpferinnen, die sie beim Gründungskongress der 2. Internationale 1889 hielt. Ihr größtes Anliegen war, eine Positionierung der ArbeiterInnenbewegung in der Frage der Frauenarbeit zu erreichen und argumentierte daher:

„Die Sozialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht. Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die Unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit.“

Zetkin wehrt sich also gegen die Nachzeitigkeit der Frauenbefreiung und gegen das plumpe Argument, weil vollständige Emanzipation nur im Sozialismus möglich sei, brauche frau/man im Moment nichts gegen die Unterdrückung von Frauen unternehmen. Die Forderung nach Frauenarbeit wurde von sozialistischen Feministinnen im Vergleich zu bürgerlichen Feministinnen sehr hoch bewertet – einerseits wollte frau Teil der ArbeiterInnenbewegung und „nicht mehr und nicht weniger sein als Waffengenossen, die unter gleichen Bedingungen in die Reihen der Kämpfer aufgenommen worden sind.“. Andererseits sahen sie die ökonomische Unabhängigkeit als einen wichtigeren Faktor für ein emanzipiertes Leben als  z. B. das Frauenwahlrecht, hier spiegelt sich die materialistische Auffassung, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und die ökonomische Basis (in dem Fall das eigene Einkommen) der erste Schritt zur Unabhängigkeit sei, wider.

 

Helke Sander und die 68er: Tomatensalat

Mehr als ein halbes Jahrhundert später ergreift eine sozialistische Feministin das Wort. Helke Sander spricht im September 1969 als Vertreterin des „Aktionsrats zur Befreiung der Frau“ auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistisch Deutschen Studentenbunds (SDS), um den Genossen zunächst verbal Saures zu geben:

„Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich […] anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Wir stellen fest daß der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist.“

Sander benennt hier deutlich die patriarchalen Strukturen, die in der 68er Bewegung genauso präsent waren wie im Rest der Gesellschaft. Ähnliches sagt auch Eva Kreisky, heute Professorin für Politikwissenschaft an der Uni Wien, über die österreichische 68er-Kultur:

„Die Männer waren eben die ‚besseren’ Theoretiker, sie konnten sich besser von ihrer Gefühlslage distanzieren, sie ‚quasselten’ in einem fort bei Schulungen und Veranstaltungen, während die Frauen schwiegen. Die Männer besetzten folglich die Machtpositionen in den Organisationen.“

Theoretisch problematisiert Sander anschließend die Trennung zwischen Privat und Öffentlich und weigert sich, die Frauenbefreiung als Nebenwiderspruch zu begreifen: „Wir können die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen nicht individuell lösen. Wir können damit nicht auf Zeiten nach der Revolution warten, da eine nur politisch ökonomische Revolution die Verdrängung des Privatlebens nicht aufhebt, was in allen sozialistischen Ländern bewiesen ist.“ Sander schließt mit: „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muß, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, daß der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann die Konsequenzen zu ziehen wissen.“

Unbeeindruckt wollte das Gremium ohne eine Diskussion von Sanders Referat in der Tagesordnung fortfahren, darauf hin warf Sigrid Damm-Rüger angeblich mit den Worten: "Genosse Krahl! Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!" eine Tomate auf Hans-Jürgen Krahl, einen der damaligen Chefideologen des SDS. Die feministischen Anliegen konnten von den Männern danach nicht mehr still geschwiegen werden und aus dieser Aktion heraus kam es zur Gründung vieler feministischer Weiberräte.

Ulrike Meinhof kommentierte die Berichterstattung ob des Tomatenwurfs folgender Maßen:

„Die Reaktion der Männer auf der Delegierten-Konferenz und die auch der immer noch wohlwollenden Berichterstatter zeigte, daß noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert. Die Konsequenz aus Frankfurt kann nur sein, daß mehr Frauen über ihre Probleme nachdenken, sich organisieren, ihre Sache aufarbeiten und formulieren lernen und dabei von ihren Männern erstmal nichts anderes verlangen, als daß sie sie in dieser Sache in Ruhe lassen und ihre tomatenverkleckerten Hemden mal alleine waschen, vielleicht weil sie gerade Aktionsratssitzung zur Befreiung der Frau hat.“

 

Feministische Marxkritik

Aus der 68er Bewegung heraus entstand schließlich die feministisch-kritische Auseinandersetzung mit Marx. Feministinnen prüften seine Gesellschaftstheorie auf die Tauglichkeit in der Analyse von Geschlechterverhältnissen und stellten wenig verwunderlich eine vielfältige Geschlechterblindheit fest. Kritik wurde einerseits an der monokausalen Annahme „Kapitalismus führt zu Patriarchat“ geübt und herausgearbeitet, dass die Herrschaftsverhältnisse, die bezogen auf Geschlecht wirken, nicht nur ökonomische sind, sondern auch im Bereich des Staates und der kulturellen Praxen zu suchen sind.

Nichts desto trotz heißt es für sozialistische Feministinnen immer noch, sich über den Zusammenhang von Produktions- und Geschlechterverhältnissen Gedanken zu machen, aber gegen die Hierarchisierung der zwei Begriffe zu arbeiten. Frigga Haug schlägt vor, Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse zu begreifen „die [beide zusammen, Anm.] Fragen von Arbeitsteilung, Herrschaft, Ausbeutung, Ideologie, Politik, Recht, Religion, Moral, Sexualität, Körper, Sprache bestimmen. Daher kann im Grunde kein Bereich sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie Geschlechterverhältnisse formen und geformt werden, mit zu erforschen.“

Als gemeinsamen Nenner der sozialistischen Feministinnen beschreibt Haug die Annahme, der Kapitalismus benötige für seine Produktionsweise die unentlohnte Arbeit der Frauen in der reproduktiven Sphäre und schaffe dadurch strukturelle Frauenunterdrückung.

 

Hausarbeitsdebatte

Die unentlohnte Frauenarbeit im Reproduktionsbereich und ihrer gesellschaftlichen Organisation dominierte als Hausarbeitsdebatte die marxistisch-feministische Debatte in den 1970er und 80er Jahren maßgeblich. Ausgangspunkt war ein weiterer Kritikpunkt an der marx’schen Theorie, die im Bezug auf Arbeit davon ausgeht, dass nur mehrwertschaffende Arbeit (also Lohnarbeit, die in einer Fabrik Gebrauchswerte herstellt) produktive Arbeit ist – alles andere interessiert Marx nicht, weil es nicht zur Erklärung der für ihn zentralen Ausbeutungsverhältnisse dient. Dadurch ist Reproduktionsarbeit (z. B. Kinder erziehen, Alte oder Kranke pflegen, Essen kochen etc.) strukturell aus der Theorie ausgeklammert.

Als erste Forderung aus dieser Debatte entstand die nach Entlohnung von Reproduktionsarbeit, also die Bezahlung von Hausfrauen und Hausfrau-Tätigkeiten. Behrend merkt an, dass diese Forderung das Problem nicht an der Wurzel packe: „Die Fixierung auf die Bezahlung oder Teilung der häuslichen Arbeit zwischen den Partnern verhinderte die Entdeckung, daß die Lösung des Problems in der Überwindung der dominanten Rolle männlich konnotierter und kinderfeindlich organisierter Erwerbsarbeit liegt. Dies ist in letzter Konsequenz nur durch die Aufhebung der kapitalistischen Lohnarbeit und durch gerechte Verteilung der Reproduktionsarbeit zu erreichen.“

Auch heute beschäftigt sich die feministische Ökonomie mit Reproduktionsarbeit, Madörin gibt einen Überblick über die Größe dieses unsichtbaren Wirtschaftssektors: „Wenn die unbezahlten Arbeiten bewertet werden, so machte die Bruttowertschöpfung der Haushalte etwa 70 Prozent der konventionell gemessenen Bruttowertschöpfung der Schweiz im Jahr 2000 aus und etwa 40 Prozent der gesamten Wirtschaft.“ Eine respektable Größe, die den gravierenden Einfluss der Reproduktionsbedingungen auf Lebensstile zeigt: unbezahlte Arbeit wird größtenteils von Frauen geleistet, Frauen werden niedriger entlohnt als Männer und Frauen leisten insgesamt mehr Arbeit als Männer. Damit zeigt sich, dass ökonomische Gleichstellungsbestrebungen nur dann Erfolg haben können, wenn Reproduktionsarbeit gerecht verteilt ist. Außerdem zeigt sich durch die Datenerhebung, wie unvollständig und falsch volkswirtschaftliche Indikatoren wie das BIP sind, da sie Reproduktionsarbeit ausklammern und folglich Unterdrückungsmechanismen verschleiern.

 

Erwerbsquote und Lohndiskriminierung

Clara Zetkins Anliegen der Frauenerwerbsarbeit scheint teilweise Realität geworden zu sein, in Österreich lag die Frauenerwerbsquote 2006  (Anteil der Frauen zwischen 15 und 65, die einer Erwerbsarbeit nachgehen) bei 63,5% (im Vergleich zu 76,9% bei Männern). Frauen sind also zunehmend erwerbstätig (noch 2000 lag der Wert unter 60%), was insgesamt eine größere Unabhängigkeit bedeutet: So sind erwerbstätige Frauen seltener von Armut betroffen (Statistik Austria) und haben eine geringere Wahrscheinlichkeit, Opfer von häuslicher Gewalt zu sein. Der Eintritt in den Arbeitsmarkt scheitert allerdings immer noch an traditionellen Rollenbildern, die durch Gesetzgebung verstärkt werden. Mühlberger schlägt deshalb unter anderem gendersensible Bildung und Erziehung bzw. das Überdenken von Regelungen wie der kostenlosen Mitversicherung nicht erwerbstätiger EhepartnerInnen oder der Bezugskriterien des Karenz- und Kindergeldes vor, um Frauen verstärkt in die Erwerbsarbeit einzubinden.

Damit ist die ökonomische Gleichstellung allerdings noch lange nicht erreicht – die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern sind immer noch schwindelerregend. Erhebt frau/man die Stundenlöhne von Frauen und Männern, ergibt sich in Österreich ein Einkommensunterschied von knappen 20% (EU-SILC), der aber zu ca. 80% eben nicht aus unterschiedlichen Bildungsniveau oder Berufserfahrung zurückzuführen ist, sondern aus faktischer Diskriminierung von Frauen entsteht.

Lohndiskriminierung von Frauen ist auch über eine längere Zeitperiode hinweg konstant, so hat sich in Österreich zwischen 1983 und 1997 am Gender Pay Gap nichts statisch relevantes verändert – mit den allgemeinen Lohnsteigerungen sind zwar die Fraueneinkommen gestiegen, haben aber den Abstand zu den Männereinkommen nicht verringern können. Die neoliberale Chancengleichheit scheint sich also für erwerbstätige Frauen nicht einzustellen.

 

Statt eines Schlusses

Produktionsbedingungen und Geschlechterverhältnisse sind also miteinander verwoben, insofern ist die (Reproduktions)Arbeit nur aus einer Geschlechterperspektive sinnvoll zu betrachten. Das ist bislang aber weder in die Welt der Wissenschaft, noch in die Sphäre der Politik ernsthaft durchgedrungen. Ökonomische Unabhängigkeit von einer Familie und dem dazugehörigen Lebenspartner ist Voraussetzung dafür, dass Frauen unabhängig Entscheidungen treffen können.

Das heißt noch lange nicht, dass durch ökonomische Gleichstellung gesellschaftliche Gleichberechtigung hergestellt wird – um nochmals die Anfangsthese zu wiederholen: ein emanzipiertes Leben kann im Kapitalismus, der auf einer speziellen geschlechtlichen Arbeitsteilung beruht und in der Lohnarbeit beide Geschlechter gleicher Maßen ausbeutet, nicht existieren. Aber im Kapitalismus muss es die Möglichkeit für Frauen geben, sich innerhalb dieses Rahmens gleicher Maßen frei zu bewegen wie Männer. Das heißt auch, keine tomatenbekleckerten Hemden zu waschen, so frei zu sein, sich von gewalttätigen Partnern trennen zu können, ein eigenständiges soziales Umfeld aufzubauen und sich in die eigenen Angelegenheiten einmischen zu können.

 

Quellenangaben:

Behrend, Hanna: Marxismus und Feminismus – inkompatibel oder verwandt? In: UTOPIE kreativ, H. 109/110 (November/Dezember 1999), S. 162-173. web: http://www.rosalux.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/109_10_Behrend.pdf (November 2008)

Haug, Frigga: Marxistische Theorien und feministische Debatten. In: Niechoj, Torsten/Tullney, Marco (Hg.): Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie, S. 73 - 120 Marburg 2006.

Haug, Frigga: Schaffen wir einen neuen Menschentyp. Von Henry Ford zu Peter Hartz, 2006. web: http://www.friggahaug.inkrit.de/DA252_FH.pdf (November 2008)

Haug, Frigga: Sozialistischer Feminismus: Eine Verbindung im Streit. 2004. web: http://www.friggahaug.inkrit.de/ (November 2008)

Madörin, Mascha: Pladoyer für eine eigenständige Theorie der Care-Ökonomie. In: Niechoj, Torsten/Tullney, Marco (Hg.): Geschlechterverhältnisse in der Ökonomie, S. 277 – 298. Marburg 2006.

Mühlberger, Ulrike: Arbeitsmarktökonomie aus der Gender-Perspektive. In: Bendl/Hanappi-Egger/Hofmann: Interdisziplinäres Gender- und Diversitätsmanagement, S. 181 - 203. Wien 2004

Nitsch, Sigrid: Die Entwicklung des allgemeinpolitischen Vertretungsanspruches innerhalb des Verbandes Sozialistischer StudentInnen Österreichs (VSStÖ) in Wien im Zeitraum von 1965 bis 1973, Diplomarbeit 2004

Rede Clara Zetkin: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1889/07/frauenbef.htm


[1] Das ist vor allem nachzulesen in „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx und Friedrich Engels. An alle interessierten Frauen: Erstens ist das ganze nicht sehr schwer zu lesen und teilweise wirklich interessant, also lasst euch nicht abschrecken! Zweitens gibt’s alle Texte auch online, dh. gratis. Literaturtipp hier also www.mlwerke.de/me/me23/index.htm

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